FRAMEWORK : REISENOTIZEN

Auckland, Neuseeland

09.12.2004

Wolken und Wind

Ich versuche in Auckland anzukommen. Es sind nur drei Flugstunden von Melbourne, aber meine kleine Seele ist vermutlich noch auf Reisen. Die Reise an sich verändert sich nicht, auch mein Koffer und meine Tasche bleiben die gleichen und doch ist es jedes Mal eine Umstellung anderswo anzukommen. Es ist immer aufregend und ein bisschen verwirrend und so beschließe ich einen Spaziergang zu machen, um die nähere Umgebung zu inspizieren. Die Stadt hat zwei Küsten und ist insgesamt genommen relativ eben. Kleine grüne Hügel erheben sich aus der Stadt – alle stille Vulkankegel – und lockern das Bild auf. Zu so einem Hügel „Mount Albert“ führt mich mein Weg. Den nächst gelegenen Berg „Three Kings“, mein eigentliches Ziel, verliere ich aus den Augen und laufe genau in der anderen Richtung auf der Strasse durch die Vorstadt. Die Straße zieht sich lange durch ein Geflecht von kleinen Häusern mit kleinen Gärten und kleineren Straßen. Nach einem steilen Anstieg auf den Hügel bietet sich oben ein gigantischer Ausblick über die ganze Stadt. Es ist frisch um nicht zu sagen kalt und windig. Sonne und Wolken wechseln sich ab und gelegentliche Regenspritzer machen den Ausflug etwas ungemütlich. Schnell trete ich den Rückweg an, nehme dann aber doch Zuflucht in einem indischen Schnellrestaurant. Das Essen ist hervorragend und nebenher lassen sich indische Musikvideos konsumieren: grandios diese Macho&Chicken-Kultur.

City of Sails

Auckland ist die Stadt der Segel. Mein erster Eindruck, das ist der Hafen: Hier liegen Boote verschiedenster Art, große, kleine und teure Yachten, richtige Rennyachten sind auch dabei und daneben sind all die schicken Cafés, Restaurants, feine alte und coole junge Menschen. Der Himmel ist dämmrig und die Sonne versinkt in den Wolken. Es wird Abend und viele sind unterwegs. Es hat hier ein ganz anderes Flair als in NY oder in Sydney am Wasser. Man hat eher das Gefühl von einem riesigen Segelclub, wenn man hier so spazieren geht. Auf dem Wasser draußen findet eine Wettfahrt statt und es ist schwer zu erkennen, welche Klasse da segelt. Die Boote sind zu weit weg.

Wo ich hier bin

Ich wohne in einem typischen neuseeländischen Haus. Typisch heißt „nicht neu“ ebenerdig, ohne Keller und einstöckig, aus Holz und mit Blechdach, einer Außenverkleidung mit weiß gestrichenem Holz, einer Terrasse und einem kleinen Garten. Typisch heißt auch, dass dieses Haus in Australien stehen könnte. Die Häuser unterscheiden sich lediglich im Grundriss, der mehr dort rechteckig ist, während er hier in Auckland mehr quadratisch zu sein scheint. Hier wohnt Ali und bei Ali wohnt Rob, ein Taiji Freund. Ali arbeitet in der Werbung und hat ihre eigene kleine Agentur. Rob ist Psychotherapeut.



12.12.2004

Ich hasse Käpt’n Koch

Nach einem langen Tag hängen Ali, Rob und ich auf dem Sofa aus und unterhalten uns bei einem Glas Wein. Nebenbei läuft die Glotze und mit einem halben Auge bekomme ich ein bisschen was von der Sendung im neuseeländischen Fernsehen mit. Es ist eine Dokumentation über die Entdeckung Neuseelands durch diesen berühmten Seefahrer Käpt’n Cook. Er kam hierher wie sonst auch überallhin im Pazifik und in Australien und hat alles entdeckt. Käpt’n Cook war ein echter Held in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Was für ein Held ist er nicht immer noch – der personifizierte Entdecker schlechthin. Man möchte meinen, er hat auch alles erschaffen. Denn er war es, der alles benannt hat in der neuen Welt im Pazifik. Ein Gott möchte man glauben. Das haben einst wohl auch die Hawaianer gedacht. Und als der Gott mit seinem Schiff wieder abreisen wollte, sind ihnen die Schuppen von den Augen gefallen und sie haben ihn dann nicht gehen lassen. Sie haben ihn stattdessen gleich ins Jenseits befördert zu Göttern –mit Pfeil und Bogen so weit mir überliefert worden ist. Sicher ein wohlverdientes Ende für den so talentierten und berühmten Seefahrer, der in seiner Entdeckerwut und weißen Überheblichkeit übersehen hat, dass die Berge und Buchten, die Orte und Inseln schon entdeckt und auch besiedelt sind. Und der vergessen hat, zu fragen, wie diese heißen und dass er zu Gast ist. Ein Berg in der Nähe von Nowra, Australien hat den Mann an ein Taubenhaus erinnert, deshalb heißt dieser Berg jetzt Mount Pigeonhouse. Byron Bay, ebenfalls Australien, hat im wohl gefallen und so nach dem englischen Poeten Lord Byron benannt. Die Cook Islands und die Cook Islander (sprich Eiländer) hatten wohl keine richtige eigene Identität und Kultur. Dafür schmückt er sie mit seinem Namen und schickt sie in die Kirche. Und auch hier im Neuen Seeland ist es nicht anders. Wo nichts zu holen war, entstand die Poverty Bay. Aber die Bay of Plenty hat er auch gefunden, zumindest hat er sie so benannt. Ob der wohl glücklich war, der Käpt’n?

Wie der Christbaum in Neuseeland heißt

Es gibt einen Baum hier, der ist dunkelgrün und die jungen Blätter haben einen samtigen silbernen Schimmer. Jeder und jede, die ich hier kennen lerne, zeigt mir diesen besonderen Baum mit seinen roten büscheligen Blüten. Er ist wunderschön. Ob ich den schon gesehen hätte? Er heißt Pohutukawa, aber ich frage mindestens fünf Mal nach, weil ich mir diese Maori Namen einfach nicht merken kann. Er blüht um Weihnachten herum und ist daher der neuseeländische Weihnachtsbaum. Tannen gibt’s hier ja keine, Fichten auch nicht und in den Wohnungen finden sich Adaptionen aus Plastik oder büschelige Kiefern.

Mission Bay und St. Heliers

Auf die Frage wer die Mission hier genau getätigt hat, weiß keiner eine Antwort. Vielleicht kennt Käpt’n Cook sie. Heute erinnert der Name dieses Viertels daran. Hier gibt es einen kleinen Park mit großen alten Bäumen und einem Brunnen, der Wasser aus Fischköpfen speien lässt. Eine ganze Reihe Cafés, Restaurants und Mövenpickeis finden sich an der Strandpromenade. Vor dem Strand schwimmt das türkisblaue Wasser und eine hübsche kleine grüne Insel namens Rangitoto liegt darin. Das nächstgelegene Viertel hier heißt St. Heliers und ist eine wunderbare Wohngegend und die Aussicht ist genial für den, der sie hat. Auch hier blaues Wasser, Boote, Pohutukawa-Bäume, Brownes Island und im Dunst kann man am Horizont sogar die Coromandel-Halbinsel erkennen. Was gibt es also besseres, als es sich nachmittags auf dem ausladenden Balkon von Felicitas und Rob gut gehen zu lassen? In all dem Grün rundherum kommt man sich hier vor wie in einem Baumhaus. Das hat der Architekt nicht schlecht gemacht.



15.12.2004

Auckland ist anders

Es fällt mir schwer einen Durchblick durch diese Stadt zu finden. Auckland scheint riesig zu sein. Weitläufig erstrecken sich die Wohnviertel hinaus aus der Stadt. Im Zentrum befinden sich einige Hochhäuser, aber es ist kein New York und kein Sydney. Der Handel scheint vorwiegend in der Hand der Chinesen zu sein. Ganz egal ob es ein Kiosk, eine Boutique, ein Restaurant oder ein Supermarkt ist: ich schätze 60% sind chinesisch. Es gibt auch eine indische Gemeinde hier, die hier ihre Geschäfte und Lokale hat. Koreaner und ein paar Araber, Libanesen, sind auch da. Natürlich Maoris, Australier und eine noch größere Gruppe Pacific Islanders, die hierher kommen wegen der besseren Arbeitsmöglichkeiten. Auckland ist anders. Die Namen der Stadtteile klingen oft sehr exotisch in dieser Sprache der Maoris, die ich nicht kann. Vor allem: es weihnachtet in der ganzen Stadt. Alles und alle verkaufen und kaufen und laufen mit dicken Taschen durch die vorweihnachtliche Stadt. Es glitzert und funkelt auch hier und man träumt von einer weißen Weihnacht wie überall. Man träumt eben und singt Christmas Chorals, während draußen die Wolken vorbeiziehen und die Sonne nur manchmal scheint. Eigentlich soll hier Sommer sein, aber ich laufe mit dicken Wollpullis und langen Hosen rum. Alle, die ich treffe entschuldigen sich bei mir für das kalte Wetter. Sie sind genauso warm eingepackt wie ich.

Tai Ping Supermarket

Der Tai Ping Supermarket hier in der Nähe ist phänomenal. Er ist nicht nur billiger als der Woolworth-Supermarkt, die Auswahl ist auch besser. Obst und Gemüse sind ganz frisch. Es gibt einen Frisch-Fisch-Laden und einen Metzger. Außerdem gibt es eine chinesische Apotheke mit hunderttausend Schubladen, die mit Schriftzeichen beschriftet sind. Weil die Apotheke keinen Kräutertee hat, frage ich hier nach dem Tee und nach einer Weile kommt der chinesische Doktor, fühlt meinen Puls und mischt mir einen Tee. Schublade auf, Schublade zu in einem fort und neben der Waage häufen sich drei kleine Kegel aus den unterschiedlichsten Krümeln, Blättern, Blüten, Holz und Rinden.

Buchanan Rehabilitation Center

Das Buchanan Rehabilitation Center ist eine psychiatrische Reha Klinik, die neben der geschlossenen psychiatrischen Anstallt gelegen ist, aber nicht dazu gehört. Es ist ein interessanter Ort – eine legale gesellschaftliche Schnittstelle zwischen verrückt und normal, drinnen und draussen. Rob arbeitet hier und er zeigt mir alles. Ich kann mir gut vorstellen, hier eine Fensterarbeit zu machen. Dieser Ort ist wie dafür geschaffen! Mehrheitlich leiden die Patienten hier an Krankheiten wie Depression, manischer Depression oder Psychosen und befinden sich bereits auf dem Wege der Besserung. Hier leben ca. 25 von ihnen in kleineren Gruppen in Bungalows auf dem Gelände und etwa genauso viele Mitarbeiter arbeiten hier. Der Gemeinschaftsraum heißt aus einem unerfindlichen Grund „Jigsaw“, also Stich- bzw. Laubsäge. Keiner kann das erklären. Wird hier etwa gestichelt? Angeblich kann man die Patienten hier nicht wirklich vom Staff unterscheiden. Ein Scherz, aber nicht ganz zu unrecht wie sich später beweist. Beim Christmas Choral bietet sich mir die Gelegenheit, zu studieren, wer hier alles so ist. Diese Weihnachtsfeier mit Barbequeue findet drinnen statt, im Jigsaw, weil es zu kalt ist und regnet. Den Staff erkennt man vorwiegend am klaren und wachen Blick. Die Patienten scheinen nicht alle so klar zu sein. Vor allem aber erkennt man sie am Gang: Sie gehen nicht, sondern fallen mehr von einem Schritt in den nächsten. Die anwesenden Gäste kennt man nicht heraus. Das Christmas Choral Programm verläuft jedes Jahr nach einer festen Regel. Zuerst werden Weihnachtslieder gesungen: vom schönen Schnee, vom heiligen Kind usw. Dann erst gibt’s das Essen. Als erstes werden die Gäste bedient, dann der Staff und zu allerletzt die Patienten.



16.12.2004

Bus fahren

Ich will mehr von Auckland sehen. Endlich sitze ich im Bus und fahre mit dem Bus in die Stadt. Das fühlt sich gut an. Es ist die Dominian Road. Sie geht von diesem Viertel hier, Mount Roskill, bis mitten rein ins Zentrum. Der Bus fährt eine halbe Stunde durch diese lange Strasse, wo sich Geschäft an Geschäft reiht. Mehrere chinesische 1-2-3-Dollarshops, Kiosks verschiedener Nationalitäten, Cafés und Restaurants, Boutiquen, Apotheken, Supermärkte, Baumärkte, Bettengeschäfte, Pflanzenhandel, Liquor Shops, Post Shops, Secondhand Shops und natürlich Mac Donald sind hier. Burger King fehlt auch nicht, aber anders als in Australien heißt der Burger King hier nicht Hungry Jack!

Einkaufen! Weihnachten!

Die Queen Street das ist das Zentrum und die Einkaufsstrasse. Eine Art Kaufingerstrasse oder Georgstrasse oder Kuhdamm, könnte man sagen, aber die Geschäfte hier sind weniger interessant. Billige Boutiquen, die ihr Zeug trotzdem teuer verkaufen und Menschenmassen, die sich durch die Strasse wälzen. In einer Parallelstrasse, der High Street finde ich dann die ganzen etwas schickeren Geschäfte mit Designer Shops usw. Ich stelle fest, dass alles was aus Europa kommt hier wirklich teuer ist, aber die örtlichen Designer machen auch recht nettes Zeug. Weitere Geschäftsstrassen gibt es z.B. in Newmarket, wo sich eine Boutique neben die andere reiht und sogar Kaufhäuser sich finden; oder in Ponsonby, dem lokalen Schwulenviertel, wo man das richtig coole Zeug bekommt. Das einzige Kleid, das mir gefällt und das ich sogleich probiere, kostet 1000 Dollar und ist nur als Maßanfertigung erhältlich. Ich schaue mir das alles an und werde müde. Ich brauche nichts: Was bin ich froh.

Christmas Parties

Alle feiern gern. Im allgemeinen trifft man sich bereits nachmittags oder zum Barbequeue und wenn es das Wetter zulässt draußen. Weihnachtsmärkte gibt es hier nicht. Und ich vermisse nicht diese vermischten Gerüche aus deutschem Glühwein, Bratwurst und Reibekuchen. Fast jeder macht so eine Christmas Party und lädt seine Freunde ein. Man fängt gleich mit Wein oder Sekt an und feiert im Rausch. Ich lerne einen Menge nette interessante, verrückte und kreative Leute kennen. Viele kommen von sonst woher in ihre Heimat zurück, um Weihnachten zu feiern. Alle sind wichtig und haben Wichtiges zu erzählen. Ich kann das genießen und fühle mich wohl – und bin gott-sei-dank nicht so wichtig. Auch wenn das manche vielleicht langweilig finden.

Weihnachtliche Grußkarten

Weihnachtskarten mit Seasons Greetings finden hier großen Anklang. Sie sind sogar wichtig und es ist wichtig, sie zu besitzen. Die Neuseeländer scheinen richtig scharf drauf zu sein. Sie werden wie Trophäen behandelt, gesammelt und aufgestellt auf Kaminsimsen über falschen oder echten Feuern, auf Kommoden oder als Partievariante über Girlanden gehängt.




20.12.2004

Von der Kunst in Neuseeland

Auf einem meiner Stadtspaziergänge laufe ich direkt auf die Auckland Art Gallery zu, zufällig und ohne sie zu suchen. Sie ist mitten im Zentrum gelegen und die Ausstellung befindet sich in zwei Gebäuden: in der Main Gallery für moderne Kunst und in der New Gallery für zeitgenössische Kunst. Auffällt, das hier vorwiegend lokale und pazifische Künstler gezeigt werden. Gelegentlich kickt einen etwas als sehr europäisch oder amerikanisch an, aber wenn man genau schaut, dann liest „New Zealand, born in England“ auf dem Schild und einen Namen, den man nicht kennt. Es ist auch nicht immer einfach sich die Namen zu merken. Eine interessante Pfefferinstallation in einem runden weißen beduinenartigen Zelt war hier zu sehen. Pfeffer wie Sand auf dem Teppichboden und Pfeffer der säulenartig verklumpt aus dem Boden herauswächst, um eine Ablage zu halten, die wiederum eine Serie seltsamer kerzenhalterförmiger Wachs- und Tongebilde zur Schau stellt. Verschiedene Galerien befinden sich in direkter Nachbarschaft und gezeigt wird vorwiegend nicht weiter nennenswerte Malerei und Zeichnung. Eine Schmuckgalerie „Fingers“ hier hat die interessanteren „Exponate“ und bezeichnenderweise ist ein Ableger davon eine Galerie zeitgenössischer Kunst, die ganz spannende Arbeiten moderner pazifischer Künstler ausstellt.

K-Road

Das ist die Karganhape Road. Diese Strasse ist lebendig und interessant. Viele indische Geschäfte sind hier, chinesischen Kiosks, verschiedene Restaurants, Lokalitäten der alternativen Szene und drei, vier gute Secondhand Läden. Am hinteren Ende der K-Road befinden sich auch einige der interessantesten Galerien wie zum Beispiel: Artspace, Ivan Anthony Gallery und Starkwhite. Die Strasse hat einen etwas zweifelhaften Ruf, weil sich hier auch die ganzen Spielklubs und Sexshops befinden. Von einem „Rotlichtviertel“ kann jedoch nicht die Rede sein. Alles recht zahm - hier – würde ich sagen und es gefällt mir gut, weil es nicht so glatt ist wie in der City.

Gallerien

Jim Viviaere ist ein bekannter Künstler hier in der Stadt und er kennt alle, die man kennen muß. Ich habe ihm schon lange von meinem Projekt und meiner Arbeit erzählt und auch verschiedene Tips von ihm bekommen. Er nimmt mich überallhin mit, zeigt mir die verschiedenen Galerien und Kunstinstitutionen in der Stadt und stellt mich vor. Innerhalb von zwei Stunden sehe ich alles, was man kennen muß. So kurz vor Weihnachten und den Sommerferien ist jedoch nirgends viel los. Starkwhite ist hier nach meinem Eindruck eine der besten kommerziellen Galerien. In wunderschönen Räumen gelegen, findet man an den Wänden und auf dem Boden schöne stille wie laute konzeptuelle Arbeiten verschiedener Künstler: eine End-of-the-Year-Gruppenausstellung. Die George Fraser Gallery ist die Galerie der Elam School of Fine Arts, der Besten der Kunstausbildungsinstitute. Hier werden die Abschlussarbeiten einiger Studenten gezeigt. Es ist eine mehr feldförmige Rauminstallation verschiedener Studenten, die ganz nett aber nicht ausgesprochen interessant ist. Man fühlt sich auch an ein Versuchsfeld erinnert und irgendwie „beuyst“ es. „St. Paul Street“ ist die Galerie der School of Art and Design, die sich in einem brandneuen und architektonisch sehr interessanten Gebäude vom Architektenteam Jasmax befindet. Exponate sind nur noch wenige zu sehen, weil die Ausstellung im Abbau begriffen ist. Das selbe ist auch im Artspace, einer At „Kunstverein“, der Fall. Das scheint hier der Ort zu sein. Was noch zu sehen ist, sind die Reste einer Gruppenausstellung: superinteressant und klasse. Winzig kleine puppenartige Objekte aus rosa Waffeln und anderem Schnickschnack, die mit Heißkleber großzügig zusammengeklebt sind. Ich kann ein paar Worte mit dem Direktor wechseln. Wir sprechen natürlich englisch! Ein erfolgreicher Deutscher der demnächst eine Gallery in Hongkong leiten wird. Eine interessante Ausstellung ist in der Gus Fisher Gallery in schönen klassischen alten Räumen zu sehen: Die Show ist irgendwie inszeniert mit den spröden, fast monochromen, konzeptuellen Bildern, grafisch sparsam bedruckte Drumkits und dem kleinen Schlagzeug, das sich in einer Raumecke befindet. Julian Dashper und John Nixon arbeiten gelegentlich in Ausstellungen zusammen. Einer kommt aus Australien und der andere aus Neuseeland. Jim stellt mir seinen Freund Paul vor. Paul baut gerade eine Haus um und verlegt die Galerieräume vom Erdgeschoss in den Keller. Diese Räume sind erst im entstehen begriffen. Ich bekomme von ihm eine Karte, die das Programm genauso detailliert beschreibt wie der Eindruck, den er selbst vermittelt. Ich vermute, er möchte oder kann noch nicht viel sagen. Non-Gallery, Oxpen Galaxie, Accommdation, Espresso und Venue ist darauf zu lesen sowie eine Webadresse www.xxos.net . Diese Seite ist super interessant. Ein ganzes Universum öffnet sich plötzlich auf dem Bildschirm. Paul ist selbst Künstler und sehr nett, etwas unentschlossen und ich habe nicht den Eindruck, dass er schon weiß was er mit seiner Galerie will. Er baut seine Galerie gerade um und hat eigentlich keine finanziellen Interessen daran. Der Laden soll sich selbst tragen und ihm keine Arbeit machen. Miete, Aufsicht, alles soll der Künstler leisten. Diese Bedingungen sind zu schwierig, um hier etwas zu machen. Vor allem wenn man sich noch kein funktionierendes soziales und berufliches Netz aufgebaut hat.



25.12.2004

Christmas

Wow. Die Sonne taucht mal wieder auf. Es ist sogar einigermaßen warm. Das erste Mal in Auckland esse ich draußen. Die Sonne scheint an den Wolken vorbei und es glitzert auf dem Tisch. Es ist Weihnachten und es ist hier ein fröhliches Fest. Weihnachtsmützen schillern in allen Farben, sie blinken auch und läuten das Jahr 2005 ein. Eine große Familie mit allen ihren Auslegern sammelt sich um den Tisch um den Truthahn zu essen. Lecker! Wein und Witze würzen das Mahl.

Pakiri Beach

Mein erster richtiger Ausflug raus aus der Stadt. Wir fahren hinaus über die Harbour Bridge und die Autobahn nach Norden und schon stehen wir im Stau. Urlaubs- und Weihnachtsverkehr. Das ist nicht vergleichbar mit Staus bei uns daheim in Deutschland. Hier geht immer noch was weiter, sei es auf einer Nebenstrasse oder im Schritttempo und auch der dickste Verkehr wird wieder flüssig. Durch grüne Hügel und Weiden windet sich die kleine Straße bis an die Ostküste und es öffnet sich eine weite Bucht mit weißem Sand am langen Strand und dem wunderbaren blauen Wasser genannt Meer. Das Wetter hält durch und den blauen Himmel kann kein Wölkchen trüben. Die Wärme tut gut und das Gefühl von Sonne, Sand und Salz auf der Haut verfrachten mich ins Paradies. Ein Besuch im Pub in Puhoi vervollständigt den Besuch. Puhoi ist ein altes, sozusagen „historisches“ Siedler-Dorf. Und ebenso alt ist vermutlich das Pub, dessen Wände mit Bildern und Erinnerungsstücken bedeckt sind, die die Geschichte dieses Ortes erzählen. Holzfäller und ihre Trophäen: Bäume enormen Umfangs – vermutlich Kauri-Bäume. Ein Foto zeigt ein Paar neben einem Feldkreuz oberbayrischen Formats. Echt urig ist das hier und das Radler heißt hier natürlich nicht Alsterwasser sondern Shandy. Das schmeckt dem Durst. Ein Pool-Tisch fehlt auch nicht und wilde tätowierte Typen, die Pool spielen und sich als ganz zahm entpuppen. Schließlich schlägt Rob die Lokalmatadoren im Pool. Echt cool.



30.12.2004

Sommer in Neuseeland

Das Wetter ist einfach nur grauenhaft. Es stürmt und regnet in einem fort. Der Wind pfeifft ums Haus und die Schauer prasseln nur so gegen die Scheiben. Es regnet sogar durchs Dach. So geht das seit gestern Mittag. Vom schönen blauen Meer und den netten grünen Inseln sieht man nichts mehr. Nicht einmal die unerschrockenen Wind- und Gleitschirm-Surfer lassen sich mehr blicken. In einer milchig weißen Suppe verschwimmt alles da draußen hinter dem Fenster. Man mag überhaupt nicht mehr hinaus gehen. Wann dieses Wetter wohl aufhört? Bis jetzt war der Sommer ganze zwei Tage da.



02.01.2005

Neujahr

Hurra ein neues Jahr! Es ist noch ein bisschen frisch an Sylvester auf Waiheke, einer wunderbaren kleinen feinen Insel vor Auckland. Das neue Jahr erwacht sonnig und schön warm im Ferienbungalow. Endlich – wo sich die Sonne hier doch so rar macht. Ich selbst finde mich noch ein bisschen beeinträchtigt vom feuchtfröhlichen Feiern am Vorabend. Neujahr ist hier ein viertägiger Feiertag und alle feiern ausgiebig. Der Regen, an den ich mich bereits gewöhnt habe, lässt natürlich nicht lange auf sich warten.



03.01.2005

Schwarzer Sand
Schwarzer Sand liegt an der Westküste. Es ist vulkanischer Sand. Hier ist auch der Surf und die ganzen Surfer. Es ist eine wilde Küste. Die Ostküste ist weiß und wesentlich zahmer. Ich habe Glück und mein Besuch am Piha Beach wird von der Sonne gesegnet. Während meine Freunde surfen und ihre Kinder im Matsch spielen, mache ich einen Strandspaziergang. Genial ist das, schön und so beschaulich zugleich: all die Badegäste, die in der Sonne aushängen oder den Strand entlanglaufen in dieser schönen Bucht. Es gibt einen kühnen grünen Felsen, der hier aus dem Wasser ragt: Lion Rock.



05.01.2005

Go and see Andy

Ich bin in Ohakune, einem Ort auf dem Hochplateau in den Bergen und natürlich bin ich hier, um Ruapehu, den Berg zu sehen. Aber es regnet schon den ganzen Morgen über. Der Himmel hängt tief über der Erde und der Wind treibt die Wolken übers Land. Gelegentlich beschert uns der Regen eine kleine Pause. Und so sehe ich doch noch ein bisschen was: Ruatiti, ein kleiner, heiliger Quellsee, inmitten eines wunderbaren Regenwalds und die Karioi Seen: ein versteinerter Wald im Teich und ein weiter kleiner Waldsee, der „tapu“ = heilig ist. Die Wolken hängen immer noch tief und verschleiern den Blick auf den Berg. Ob ich ihn wohl noch zu Gesicht bekomme, den vulkanischen Berg, der schläft? Er ist zugleich eine Art heiliger Berg. In dieser Gegend, dem Tongariro National Parc, gibt es noch ein paar Konsorten dieser Klasse. Alles heilige Berge und Vulkane, die nach der Überlieferung der Maoris von den Göttern hierher gepflanzt wurden. Ruapehu war der erste und weil er so einsam war, hat ihm sein Schöpfer noch ein paar Kumpel dazu gesellt und darunter auch eine Frau. Diese Schöne hat aber Taranaki, einem anderen recht stattlichen Berg, schöne Augen gemacht. Das hatte natürlich Folgen und Taranaki hat sogleich die Rache Ruapehu’s zu spüren bekommen und wurde in die Ferne verbannt. In der Landkarte lässt sich diese Geschichte nachvollziehen und auch Geologen bestätigen sie.

Andy ist Anaru und Anaru ist Maori. Andy ist ein richtig cooler Typ mit langem Rasta-Haar und Maori Tattoos auf den Armen. Die Ta Moko erzählen nicht nur seine Geschichte sondern auch die Geschichte seines Vaters und seiner Vorväter – ein Stammbaum. Wir kommen auf den Film „Whale Rider“ zu sprechen. Er erzählt dass es einen weiteren Film in diesem Genre gibt „The River Queen“ und dass er einer der Darsteller in diesem Film ist. Er lebt mit seiner Frau und seinen vier fast erwachsenen Kindern sowie einem Hammel mit unglaublich dicken Eiern unterhalb dem 2797 Meter hohen Mount Ruapehu. Seine Tochter feiert gerade eine Abschiedsparty mit all ihren Freunden und Verwandten, weil sie nach Australien geht. Die Bude ist voll und der Kühlschrank voller Bier. Von seinem Haus aus hat man einen guten Blick auf den von Wolken völlig verschleierten Berg. Ich will endlich den Berg sehen. Wir gehen in den Garten auf die Terrasse hinter dem alten Bus, um einen besseren Blick zu haben. Der Bus, sagt Anaru, fährt noch und ist in ein Gästezimmer umgebaut. Aber der Berg gibt sich zickig, er zeigt sich nicht. Gästezimmerbus hin oder her. Schließlich habe ich doch noch Glück am frühen Abend. Als die Sonne gesunken ist, offenbart sich der Berg in seinen schönsten Farben: Orange, Pink und zuletzt Lila – ein sehr beeindruckendes machtvolles Gegenüber!



10.01.2005

Spaziergang über einen der wehrhaften Hügel

Gegenüber der City liegt der beliebte Stadtteil Devonport. Devonport erreicht man entweder mit der Fähre oder seit es die Harbour Bridge gibt auch gut mit dem Auto. Schöne Badestrände gibt es hier und man hat einen wunderbaren Blick übers Wasser auf die Stadt. Auch hier heben sich aus der Textur der Häuser und Straßen zwei runde grüne Hügel. Beide sind Park und Reservat und vulkanischen Ursprungs. In alter Zeit wurden sie von den Maoris bewohnt, als Festung benutzt und natürlich verteidigt. Jeder Klan hatte seinen eigenen Hügel und man sagt dass sich die Maoris gelegentlich kleine Scharmützel geliefert haben. Anaru war allerdings der Meinung, dass die Pakeha, die weißen Siedler, die Maoris wesentlich blutdürstiger dargestellt haben, als sie wirklich jemals waren. Dass der Kampfgeist der Maorikrieger eher als Sportsgeist zu verstehen sei: als Kampf von Mann zu Mann, und dass der weiße Mann die Spielregeln des Kampfes und der Fehde einfach nicht richtig zu deuten wusste. Über Kannibalismus hat er nichts erzählt. Das ist scheinbar ein Tabuthema hier in NZ.
Zurück zum Hügel "North Head" in Devonport: Dieser liegt am Kopfende des halbinselartigen Stadtteils und fällt steil ins Meer hinab. Ich könnte auch sagen, die schwarzbraunen Felsen die den Hügel tragen ragen schroff aus dem Wasser hervor. Seine Positionierung gegenüber der City und der Überblick über den gesamten Hafen hat ihn während des Zweiten Weltkriegs als Wehr- und Bunkerberg interessant werden lassen. Zu dieser Zeit hatte man in Neuseeland Angst dass der Japaner angreifen könnte. So weit kam es aber nicht. Noch heute sind die ganzen Anlagen zu besichtigen: Gänge und Bollwerke aus Beton mit Schießscharten durchsetzen den Berg, neben dem Parkplatz ist eine der alten Kanonen aufgestellt und die angrenzende Bucht heißt Torpedo Bay.

Tai Chi Aotearoa

Eine stille Oase inmitten der Stadt ist die Taiji-Schule in der St. Bendicts Rd in Auckland. Es gibt einen schönen mit Palmen und anderen exotischen Pflanzen begrünten Innenhof und eine Taiji-Schule im ersten Stock. Im Erdgeschoss des Gebäudes ist die Yoga-Abteilung. Während der Woche finden hier verschiedene Taijikurse für Anfänger, Fortgeschrittene und Geübte statt. Die Kurse geben die ältesten Schüler von Patrick Kelly, einem Meister im Taiji. Jetzt ist Patrick selbst für eine Woche da und gibt einen 8-tägigen Workshop. Die Teilnehmer kommen aus Auckland, ein paar aus Australien und ein paar aus Europa. Jeden Vormittag stehen drei Stunden Taiji und Pushing Hands und abends zwei Stunden auf dem Programm. Das Training am Vormittag ist anstrengender und ich bin von der tiefen Konzentration hinterher immer ganz schön erledigt. Ich lerne und übe.



12.01.2005

Kunst im Buchanan Reha Centre

Das Buchanan Reha Centre als Ort ist eine Art Schnittstelle der Gesellschaft zwischen normal und verrückt und für meine Projekte darüber wie wir Alltag wahrnehmen, äußerst interessant. In den Gesprächen über „Framework“, die ich bisher dort führen konnte, sind mir Psychiater, Therapeuten und Manager sehr entgegengekommen und haben mir eine positive mündliche Zusage dafür gegeben. Ich war in den letzten Tagen öfter dort und habe ein Fenster ausgesucht. Es ist zwischen der Rezeption und der Station, quasi zwischen drinnen und draußen. Ich würde gerne bald damit anfangen. Bei dem nachfragenden Telefongespräch mit dem Service Manager, Adele, wann ich nun anfangen kann, stellt sich heute leider heraus, dass alle ermutigenden, einladenden und positiven Äußerungen zu meinem Vorhaben, dort ein Fenster zu machen, als freundliche nichts sagende Kommentare zu werten sind. Was ich nicht wissen kann, ist dass das Zentrum gleichzeitig bereits ein Kunstprogramm am laufen hat: Es werden für ein Heidengeld Maori-Schnitzereien angekauft. Und in der Managementsitzung heute wurde entschieden, dass die bisherigen mündlichen Zusagen nicht zu halten sind, weil man aus politischen Gründen nur „eine“ Kunst im Gebäude haben will: Maori Art. Schade und ärgerlich: Framework hier, das hätte gut gepasst.



16.01.2005

Change

Kunst in der Taiji-Schule könnte auch interessant sein. Das geht mir immer wieder durch den Kopf, wenn ich hierher komme. Kollege Jim hat mich auch angesprochen, ob ich nicht hier etwas machen möchte. Ich beschließe das ganze Haus, seine Fenster, Türen und Ausblicke genau zu inspizieren, bevor ich Patrick frage, ob er einverstanden ist. Es ist ein modernes Gebäude aus Beton, das sich über den Innenhof zur Straßenseite hin mit einer weiten Fensterfront über die gesamte Gebäudebreite und einem ebenso großen Balkon öffnet. Von dort aus hat man auch einen sehr schönen Blick über die unterhalb liegende Stadt aufs Meer und die Westküste. Die Fenster sind eigentlich zu groß, um sie auszuwechseln und die restlichen kleinen Fenster, die auf den Hinterhof des Nebengebäudes hinausführen sind undurchsichtig und aus Sicherheitsglas. Würde ich hier etwas machen währe das nicht mehr subtil, sondern wirklich auffällig und nach meinem Geschmack würde ein solcher Eingriff die Ästhetik des gesamten Raumes stören. Das ist nicht mein Ansinnen. Zusätzlich handelt es sich um eine Wetterwand, wie sich auf Nachfragen herausstellt. So schaue und suche ich weiter und komme über ein kleines Fenster im Treppenhaus schließlich auf die Eingangstür in den Taiji-Raum. Der gesamte Eingangsbereich hier ist eigentlich interessant und die Tür als solche im speziellen. Man kann natürlich nicht durch sie hindurch sehen, aber sie bietet eine interessante Metapher für Taiji und fürs Leben. Kontinuierlich öffnet und schließt sie sich und gibt den Weg, die Passage frei für den, der eintreten oder austreten möchte. Das gefällt mir und überzeugt mich. Ich möchte schon lange Löcher in eine Tür bohren und beschließe Patrick zu fragen. Er ist einverstanden, möchte aber, dass ich das mit den Lehrern in der Schule abspreche. So stelle ich jedem Einzelnen meine Idee vor und frage nach. Meine Idee und mein Vorhaben fallen hier glücklicherweise auf fruchtbaren Boden und ich beginne mit der Umsetzung. Die Wahl des Wortes fällt auf „change“.



 
 
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