 |
FRAMEWORK
: REISENOTIZEN
Kampala, Uganda
11.05.2005
Reise mit einem Engl
Beate Engl ist Künstlerin wie Kuratorin und auch aus München. Wir beide
sind im Rahmen des Künstleraustausches hierher nach Kampala eingeladen.
Der lange Flug ist recht kurzweilig. So erfahre ich von ihrer besorgten Mutter,
die ihr vor ihrer Abreise noch einmal zu bedenken gibt, dass sie kein Geld haben
und für den Fall, dass sie gekidnappt wird, kein Lösegeld werden zahlen
können. Süß.
Ein Anflug von Afrika
Es wird Abend über der Erde und der Kontinent unter dem Flugzeug wird dunkel.
Große Dunkelheit. Kaum sieht man ein Licht. Unter uns liegt Afrika. Und
wenn ich das nicht wüsste, würde ich wohl glauben, es ist das Meer,
das weite. Und dann Lichter, ein ganzes Lichtermeer! Kampala, Entebbe – wir
sind da. Das Flugzeug setzt auf und Beate und ich landen in Afrika. Unsere Reise
dauert bis jetzt etwa 18 Stunden. Letzte Erinnerungsbilder im Flugzeug: Die vorwiegend
schwarzen Fluggäste fotografieren sich gegenseitig noch einmal mit ihren
Digitalkameras. Und wir platzen fast vor Spannung. Wie geht’s jetzt weiter?
Was erwartet uns?
Im Flughafen bilden sich lange Schlangen vor der Passkontrolle. Ein Din-A4-Blatt
bittet um Verständnis für Verzögerungen, weil jetzt – ganz
neu – Computer eingesetzt werden. Die beiden hinter der Glasscheibe arbeiten
sehr genau. Die Ausweisnummer wird von einem jungen Beamten eingegeben. Der Pass
wird komplett eingescannt. Weiter bearbeitet der Kollege jeden einzelnen Reisenden.
Auf eine Marke werden noch einmal alle persönlich relevanten Daten eingetragen
und diese wird anschließend wieder in den Pass geklebt. Fertig! Draußen
erwarten uns Anke und Hubert Rathey und mit ihnen geht die Fahrt dann durch die
dunkle Nacht von Entebbe nach Kampala. Dort werden wir in den nächsten sechs
Wochen bei Anne Hecker-Alia in der Ugandan German Cultural Society wohnen. Eine
Riesenvilla ist das, umfasst von einer Mauer und vom Torwächter (doorman)
bewacht. Mit uns wohnen hier verschiedene Leute, die hier Zimmer gemietet haben
und natürlich Anne mit ihrem Mann John.

12.05.2005
Auf der Hut
Ich liege sicher unter einem hellblauen Moskitonetz und betrachte die neue Welt.
Ich bin in Aaafriiikaaa! Mit diesem aufregenden Afrika-Gefühl wache ich
noch etwas verschlafen auf. Alles neu: Geräusche, Gerüche, Gesichter
und Geschmack.
Nachdem sich meine erste Aufregung wieder etwas gelegt hat, wage ich mich aus
dem Bett heraus und der Tag kann beginnen. Ich lerne Betty kennen, die hier arbeitet.
Es ist immer noch alles sehr „exciting“. Erste Orientierung im Haus,
Frühstück und Koffer auspacken steht an. Mittags treffen wir uns zum
Essen mit den Ratheys, Anne und Eria bei der „Tulifanya Gallery“,
die mitten in Kampala in der Nähe des Crested Towers (Uno-Gebäude)
liegt. Dort nebenan ist auch ein wirklich gutes Restaurant. Tulifanya ist die
beste Galerie mit afrikanischer Kunst in der Stadt und Maria leitet diese. Andere
Kunst gibt es hier nicht.
Anschließend gehen wir Geld umtauschen, denn hier zahlt man mit Uganda
Schilling. Geld umtauschen ist wie alles, was hier mit Zahlungsverkehr zu tun
hat Verhandlungssache. Anne weiß, welche „Wechselstube“ (Bank)
in Frage kommt und bringt uns hin. Kaum angekommen drängen sich mehrere „Devisenhändler“ ans
Autofenster und mit Annes Hilfe verhandeln wir einen guten Wechselkurs. Ausgestattet
mit dem echten Uganda Schilling können wir nun einkaufen gehen. Der Stolz
Kampalas ist eine Shopping Mall namens „Garden City“, die sich über
mehrere Etagen erstreckt – Parkdecks eingeschlossen. Mit seinen Rolltreppen,
Springbrunnen, schicken Geschäften und einem Riesensupermarkt, in dem es
alles gibt außer Haferflocken, ist diese Anlage auch ein Ausflugsziel für
viele Ugander. Im obersten Stock gibt es auch eine Fressmeile – verschiedene
kleine Imbisse und Tische mit Blick auf die grünen Wiesen, Palmen und Eukalyptusbäumen
im Golf Club.

13.05.05
Erste Kontakte
Der Tag beginnt mit Daudi Karungi und Eria Nsubuga, zwei ugandischen Künstlern
von der Ugandan Artists Association, die uns besuchen kommen und natürlich
dringend wissen wollen, was wir deutschen Künstlerinnen machen und was wir
hier vorhaben. Nach angeregten Gesprächen über Kunst und Politik machen
wir uns mit ihnen auf den Weg zum Ngoma International Studio, wo sechs Künstler
arbeiten, um diese kennen zu lernen. Einer ist da: Anwar Nakibige. Er redet leise,
ist ein wenig schüchtern und zeigt uns seine Bilder. Es gibt hier verschiedene
Malstile, die angesagt sind – alle ziemlich figürlich – und
so malen alle. Anschließend fahren wir zur Nomo Gallery von General Elly
Tumwine und sehen ähnliche Bilder. Der ehemalige Berater von Präsident
Museveni widmet sich heute der Kunst und ist auch selber Künstler. Anne,
die ihn gut kennt, erzählt, dass er Stoffe designt und seine eigenen Kreationen
auch selber trägt.
Unser Mittagessen nehmen wir mit Daudi und Eria im „Perl“ ein und
lernen hier die afrikanische Küche kennen. Wir suchen uns aus dem Buffet
natürlich nur die gekochten Sachen aus. Schmeckt ganz gut. Nur Matoke – eine
ät von gekochter Koch-Banane ist etwas fad.
Salat und Eis
Abends sind wir dann zusammen mit Anke und Hubert Rathey beim Vizebotschafter
zum Essen eingeladen. Holger und Monika sind ausgesprochen nette und interessante
Menschen und wohnen mit ihren Kindern in einer schönen Villa eingerichtet
im Afrika-Stil. Wie jeder hier haben sie verschiedene ugandische Hilfen im Haus
und natürlich einen Torwächter mit Knarre. Es gibt ein besonders leckeres
Essen – eigentlich alles was man in Afrika nicht essen soll wie Salat und
Eis. Wir bemerken das scherzhaft. Alles ist selbst gemacht und sicher. Und es
gibt Frankenwein. Fein. Wir erfahren viel über das Land, die Lords Resistance
Army und wie grauenhaft die Massaker dieser kriminellen Rebellen sind, die Kinder
entführen und zu ihren Zwecken abrichten. Ein echtes Ziel hat diese mordende
Gruppe nicht, die sich angeblich auf die 10 Gebote hin ausrichtet.
14.05.05
Mit Afrika durch Magen und Darm
Der Tag beginnt bereits früh. Nachts um drei Uhr wache ich auf, weil mein
Bauch schmerzt und ich aufs Klo muss. Kaum auf den Füßen wird mir
furchtbar schlecht. Nur schnell aufs Klo. Durchfall; aber damit ist es nicht
getan. Mir ist so elend, dass mir fast die Sinne schwinden und ich Angst habe,
ohnmächtig vom Klo zu fallen. Es hört einfach nicht auf, aber es geht
auch nicht weiter. Die Übelkeit, die furchtbare, staut sich in meinem Magen
und bringt mich fast um. Mit etwas Würgen bringe ich schließlich heraus,
was mich quält. Der kleine Eimer ist bereits voll mit unverdautem klein
gekautem, sauren Nahrungsbrei. Alles was ich heute gegessen habe lässt sich
darin einwandfrei identifizieren. Und trotzdem: es hört nicht auf. Wann
hört es endlich auf? Wann? Ich friere und schwitze abwechselnd. Langsam
gehe ich wieder ins Bett, aber an Schlaf ist nicht zu denken. Die Übelkeit
ist viel zu groß. Wo kommt die eigentlich her? Ich habe doch bereits nichts
mehr in mir! Wieder aufs Klo und wieder und wieder. So geht das die ganze Nacht
bis in den Vormittag: Durchfall, Erbrechen, Schweißausbrüche. Ich
bin klatschnass und kann mich kaum noch halten. Und wer kommt jetzt und hält
meinen Kopf?
Zahch
Um zwei Uhr geht es mir schon besser. Wenigstens konnte ich jetzt etwas schlafen
(und weiter schwitzen). Meine Kräfte sind schon wieder so weit hergestellt,
dass ich mit einem Satz aus dem Bett und unter die Dusche springen kann. Toll,
oder? Ich bin immer noch recht blass, aber den nachmittäglichen Kaffee bei
Anke und Hubert will ich natürlich nicht verpassen. Statt Kaffee dort dann
Wasser mit Elektrolyten und finde das ganz prima; vor allem dass ich es bei mir
behalten kann. Von ihrer Terrasse aus hat man einen wunderbaren Blick über
ihren schönen Garten auf die Stadt. Ganz am Rande hinter einem Baum kann
man sogar ein kleines Stück vom Viktoriasee sehen. Auch hier Torwächter,
verschiedene Hausangestellte für Kinder wie Küche und eine Einrichtung
im Afrika-Stil. Es herrscht Aufbruchsstimmung im Haus und ein Hauch von Melancholie
liegt hinter der fröhlichen Stimmung. In zwei Wochen verlassen die Anke
und Hubert Uganda, weil sie an die Botschaft nach Finnland versetzt werden. Jenny
das Kindermädchen ist furchtbar traurig und kann sich kaum trennen.

15.05.05
No Bite – die absolute Pleite
Das No Bite Spray sprüht nicht. Nicht die erste Flasche, nicht die zweite
und nicht die dritte. Beates Flasche sprüht auch nicht. Bereits nach zweimal „pff
!“ versagt der gelobte Pumpspray. Jegliche Bemühung zu sprühen
endet darin, dass das teure weiße Zeug doch irgendwie rauskommt, aber anders
als gewünscht über die Finger läuft und in dicken Tropfen auf
dem Boden landet. Schließlich füllen wir das Zeug in eine leere Autan
Sprüh-Flasche um und können so endlich unsere Kleider gegen Mosquitos
imprägnieren, damit wir abends auch ungestört auf dem Balkon sitzen
können.
Nachdem das erledigt ist, verbringen wir den restlichen Sonntag ganz gemütlich
in unserem neuen zuhause, spannen aus und genießen den Blick über
die Stadt und die Hügel. Ich kann mich prima von den Strapazen am Vortag
erholen. Was mir da wohl den Magen verdreht hat? Außer mir hat sonst niemand
was.

16.05.05
Am Morgen
Die ersten Geräusche, die hier beim Aufwachen an meine Ohren dringen, wecken
mein Interesse und erinnern mich daran, in Afrika zu sein. Sie sind ganz anders
als an allen anderen Orten, die ich bisher besucht habe. Noch bevor es hell wird,
etwa um halb sechs in der Früh, und nur wenn der Wind richtig steht, hört
man den Muezzin von seiner Moschee singen. Um halb sieben wird es langsam hell
und die Stimmen der Vögel erwachen. Leichtes tropisches Gezwitscher steigert
sich zum vielstimmigen Vogelkonzert. Dieses wird noch untermalt vom steten dumpfen
Tappen der vielen Schritte und Schlappen, unaufhaltsam die rote Sandstraße
hinauf oder hinunter laufen, die an unserm Haus vorbei führt. Hie und da
kräht auch ein Hahn oder fährt ein Auto vorbei. Daneben zu hören
ist auch Geklapper mit Blech (-töpfen?), das helle Schnipp-Schnapp der Heckenschere
unten im Garten und das stumpfe Schlagen der Sensenmesser im langen Gras. Beliebter
scheinen jedoch noch die Motorsensen zu sein, die man hier den ganzen Tag über
lärmen hören kann.
Die Ugandan German Cultural Society (UGCS)
Es ist eine große Villa in der kulturelle Veranstaltungen aller Art stattfinden.
Zusätzlich werden Zimmer zur Untermiete angeboten. Anne, eine Deutsche,
lebt hier schon lange und hat früher das Gästehaus für die Präsidentengattin
Museveni geführt. Jetzt leitet sie die UGCS. Sie kennt hier Gott und die
Welt und ist fast immer für uns da. Alle 14 Tage gibt es hier eine neue
Ausstellung im Haus, einmal in der Woche einen deutschen Filmabend, es gibt auch
Tanzkurs für Standardtänze und natürlich Deutschunterricht. Die
Deutschlehrer Jaffrey und Richard sind wie ihre Kollegen, Schüler und alle
hier richtig Schwarz. Mit lachenden Zähnen und leuchtenden Augen strahlen
sie einen an. Außer ihnen arbeiten hier noch sieben Leute im Haus. Es gibt
zwei Hausangestellte und eine Praktikantin. Betty arbeitet tagsüber, Grace
zwei Stunden am Abend und Carolin ist nachmittags da. Es gibt einen Gärtner,
George und drei Torwächter. Zwei von ihnen teilen sich die Nachtschichten
und ein ganz netter, John arbeitet am Tage. Bei unserem Gespräch heute morgen
erzählt er mir, dass es ihm nicht so gut geht. Die Brust täte ihm weh
und dass er Malaria hätte. Er sieht auch ganz glasig, irgendwie krank aus
und verhält sich etwas merkwürdig. Anne will ihn zum Arzt schicken,
aber er will partout nicht und fährt mit dem Boda Boda, ein Mofa-Taxi nach
Hause. Später erfahren wir, dass er letzte Woche schon krank war und bereits
im Krankenhaus war, aber wieder abgehauen ist. Wir wissen nicht, ob er sich den
Arzt nicht mehr leisten kann oder was das ist.
An die Arbeit
Anne, Beate und ich beginnen erst einmal mit einer Projektbesprechung, wer wie
was braucht für sein Projekt, wo man das vielleicht realisieren kann und
wer der beste Ansprechpartner dafür ist. Dann planen wir unsere Termine:
Abschiedsparty vom UGCS für Anke und Hubert, die Vorstellung von uns deutschen
Künstlern und unserer Kunst, verschiedenen Meetings, die Abschlussausstellung
und die ganzen Events, die wir nicht verpassen dürfen.
Wir fangen mit der Umsetzung unseres Programms gleich an und fahren zu einem
Künstler, Taga, ein Maler, der auch ein Rahmengeschäft und eine Galerie
außerhalb von Kampala hat. Es ist ein ausgesprochen netter Künstler,
der sich in seiner Malerei auf Wildlife spezialisiert hat. Er vermag es, die
Seele der Tiere mit dem Pinsel einzufangen. Seine stimmungsvollen Ölgemälde
finden Sammler auf der ganzen Welt. Eigentlich würde er lieber abstrakt
arbeiten, wie es alle hier wollen, aber die Beispiele, die er uns zeigt überzeugen
mich nicht. Aufträge für Wandmalereien bekommt er vor allem von den
verschiedenen Lodges in den Nationalparks. Gorillas, schwarze Büffel, Leoparden,
Vögel und so weiter. Vielleicht wird er uns mal mitnehmen in die Parks.
Ich würde dort so gerne zeichnen.
Weitere Kontakte machen wir in der Alliance Française im National Theatre.
Wir lernen Didier Martin, den Direktor kennen und jede von uns beiden kann ihr
Projekt vorstellen. Das National Theatre ist kein ganz uninteressantes Gebäude.
Zentral gelegen und mit seiner besonderen 70er Jahre Architektur bietet es sich
für eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Umgebung
besonders an. Hier ließe sich etwas machen.
Nebenan ist der Kraft Market von Ugandischen Künstlern, die hier ihre Produkte
verkaufen können und ich erstehe hier ein Paar afrikanische Perlensandalen.
Nsenene und Jam
Jam meint hier Jam Seccion. Aber wo man Jazz erwartet, findet man Reggae, Afro
Reggae und Afro Beat. Die verschiedenen Auftritte sind alle ziemlich gut, manche
einfach klasse. Einige Profi-Musiker sind hier dabei, aber in Sachen Musik oder
Rhythmus sind die Afrikaner sowieso kaum zu übertreffen. Daudi hat uns hierher
auf den Platz vor dem National Theatre geführt und freut sich unser Begleiter
zu sein. Alle hier sind schwarz. Schwarz, schwarz, schwarz. Außer Beate
und mir, zwei japanischen Gesichtern, zwei französischen und zwei offensichtlich
britischen ragen nur schwarze Köpfe aus den stets sauber gebügelten
Hemden oder Kleidern. Es gibt leckeres Bier, Coca Cola, Krest und Fanta. Außerdem
riecht man die Kohlenfeuer auf denen Snacks gegrillt werden. Frauen mit Eimern
auf der Schulter gehen durch die Menge und verkaufen daraus eine Art Cracker.
Ich frage Daudi was das ist und erfahre, dass es geröstete, gesalzene Heuschrecken
sind. Er mag es nicht, aber der Rest seiner Familie liebt das Zeug. Nsenene – eine
Delikatesse. Daudi empfiehlt sie nicht für weiße Mägen. Manche
Weiße scheint das nicht zu stören, ja sie scheinen Geschmack daran
zu finden. In dem britischen Gesicht verschwindet ein Heuschreck nach dem andern.
17.05.05
Muzungu
Das ist der Ausdruck für Weiße. Eigentlich bedeutet es, der, der immer
beschäftigt bzw. aktiv ist wie Anne sagt. Und Muzungu ist immer reich, das
ist auch klar. Wir sind wieder äußerst geschäftig... und fahren
ins National Theatre zu einem Workshop über Film in Uganda. Es ist interessant
das Gebäude von innen zu sehen und das Gefühl auf den Polstersitzen
dieses afrikanischen Theaters zu erleben. Ständig scheint irgendwo unter
meinen Kleidern etwas zu krabbeln und es juckt abwechselnd am ganzen Körper.
Eingangs werden verschiedene Kurzfilme und Werbefilme der Alliance Française
gezeigt, die andere Städte in französischer Sprache vorstellen: Ottawa,
Reykjavik, Mexiko City. Außerdem gibt es noch ein Filmchen aus Uganda über
Bürokratie. Schließlich beginnt auf dem Podium zwischen schwarzen
und weißen Menschen endlich eine Diskussion über Film in Uganda und
wie man das macht. Der Ugandische Filmemacher, der eingangs von der schicken
Moderatorin vorgestellt wird, spricht erst einmal darüber, was Filme machen
eigentlich bedeutet und erklärt uns, dass es wichtiger ist, eine Story zu
haben, als eine Kamera zu besitzen. Hier scheint das noch nicht ganz selbstverständlich
zu sein. Im Grunde ist diese Veranstaltung ein Grundkurs in Logisch Denken und
für uns furchtbar langweilig.
National Theatre
Der Zustand des repräsentativen Gebäudes ist insgesamt gesehen räudig
und wirkt auf europäische Augen ungepflegt. Die Betonfassade bröckelt
und rostet vor sich hin. Das ist hier halt so. Innen sehen die Wände nicht
besser aus als sich die Sitze im Theater anfühlen: krabbelig. Ein wenig
besser ist es in der ebenfalls hier situierten Alliance Française, die
das kulturelle Angebot in der Stadt bereichert durch Französischkurse, Ausstellungen,
Zirkusveranstaltungen, Filmabende usw. Ihre Räume haben in den letzten Jahren
schon einmal frische Farbe gesehen wie zum Beispiel die schöne einfache
blaue Flügeltür mit den kleinen Fenstereinsätzen, die Eingangstür
zur Alliance Française. Diese wäre ebenfalls gut geeignet für
eine Framework-Arbeit. Interessant ist auch noch der Green Room, ein öffentlich
genutzter Konferenzraum, der eine recht interessante Fensterfront hat. Didier
Martin ist glücklicherweise auch da und hat Zeit, über Details zu sprechen
und uns einen Kontakt zum Direktor des National Theatres zu vermitteln. Denn
wenn man etwas am National Theatre machen möchte, braucht man seine Genehmigung.
Ein glücklicher Zufall will es, dass Joseph Walugembe gerade um die Wege
ist und bereit ist für ein spontanes Meeting. Unter Hervorhebung der besonderen
Bedeutung des Gebäudes für die Stadt und dass ich mich geehrt fühlen
würde hier etwas machen zu können, gelingt es mir schließlich
ihm mein Projekt schmackhaft zu machen, Löcher in Fenster zu bohren und
so sinnhafte Botschaften in Aussicht zu stellen. Das schöne daran ist, dass
ihn seine Begeisterung weiterdenken lässt. Vielleicht sollte man auch Kontakt
aufnehmen zur Makarere University zum Fachbereich Performing Art und Philosophy,
schlägt er vor. Beate möchte für ihre Arbeit die Loch-Struktur
der vor die Fassade gehängten Betongitter benützen und auch diese Idee
scheint ihm zu gefallen.
'Mosquito Season' und deutsche Malariahysterie
Es ist Mitte Mai und jetzt ist hier Regenzeit. Jeden Tag um die Mittagszeit regnet
es, aber nie um die gleiche Zeit. Morgens ist es meist klar. Im Laufe des Vormittags
bauen sich langsam die Wolken am Himmel auf bis es anfängt zu regnen. Es
tröpfelt dann so vor sich hin oder es regnet kurz und richtig heftig. Wir
wetten immer, wann genau es regnen wird und haben viel Spaß dabei. Mit
dem Regen nehmen auch die Mosquitos zu. So ab fünf Uhr – mit der Dämmerung
kommen sie raus. Sie sind klein und leise. Man hört sie fast nicht. Sie
kommen einzeln. Keine Schwärme und kein ssssssssssssss. Bisher konnte ich
genau einen Stich lokalisieren: leichte örtliche Rötung, keine Schwellung,
kaum Juckreiz und nach ein paar Minuten ist nichts mehr zu sehen. Ein Stich macht
aber noch keine Malaria. Die ganze Malaria-Hysterie, der ich in Deutschland begegnet
und erlegen bin, erscheint hier ziemlich unbegründet. Von wegen Hochrisikogebiet – die
ganze Angstmache scheint vorwiegend der Pharmaindustrie und der juristischen
Absicherung der Ärzte zu dienen. Tatsächlich aber macht die Malariaprophylaxe
krank. Wenn ich nicht ständig Essen in mich hineinstopfe, bekomme ich abends
starke Bauchschmerzen, die gelegentlich von Übelkeit und Durchfall begleitet
werden. Malariavorkommen in Kampala sind selten und hier ist Malaria auch keine
tödlichere Krankheit als die Grippe. Die indigene Bevölkerung stirbt
daran, dass sie sich die Behandlung meist nicht leisten kann. Nur scheinen deutsche Ärzte
große Probleme zu haben bei der Diagnose wie auch der Behandlung dieser
Krankheit. Ankes Mutter wäre fast an der Therapie „Intensivstation“ gestorben,
weil die Ärzte in Deutschland Wochen für die Malaria-Diagnose brauchen,
die für hiesige Ärzte ein Klacks und sogar im Selbsttest zu machen
ist.
18.05.05
Kampala
Kampala ist die Hauptstadt Ugandas, der Perle Afrikas. Der Name leitet sich ab
von einem längeren schwierig zu merkenden Wort, das 'Hügel der Antilopen'
bedeutet. Die Stadt wurde wie Rom auf sieben Hügeln erbaut und wächst
und wächst. Die Zahl der Hügel hat sich schon auf acht vermehrt und
von den 25 Mio. Ugandern leben 1,2 Mio. in Kampala. Die Stadtgründung geht
auf einen der hiesigen Könige zurück und das zugehörige Königreich
Buganda entspricht heute einem Regierungsbezirk. Den König gibt es auch
noch, aber er hat keine politische Macht mehr, sondern repräsentative und
kulturelle Aufgaben. Luganda ist die in Buganda gesprochene regionale Sprache,
eine Bantu-Sprache und nur eine von 52 afrikanischen Sprachen, die in Uganda
gesprochen werden. 'Gemischte Ehen' zwischen den Stämmen sind unerwünscht
und sind wenn überhaupt nur in der Stadt zu finden. Die zahlreichen Stämme
des Landes grenzen sich stark voneinander ab und pflegen ihre eigenen Traditionen
und Tänze. Daher ist Englisch Amtssprache wie auch in den ostafrikanischen
Nachbarländern Kenia und Tansania. Alle die etwas Schulbildung genossen
haben können englisch. 'How are you Muzungu?' weiß jeder, angefangen
bei den Kindern auf der Straße und in den Slums. Manche können auch
Suaheli.
Spirituell sind die meisten Ugander hier christlich orientiert, aber es gibt
auch eine ganze Reihe Moscheen und Hindu-Tempel. Die schönste Kathedrale,
die schönste Moschee und der schönste Hindutempel erheben sich weithin
sichtbar auf verschiedenen Hügeln über die Stadt. Jeder Religion wurde
einst vom König ein Hügel zur Verfügung gestellt. Es gibt die
verschiedensten Ausprägungen christlicher Religionsausübung: Katholiken,
Protestanten, Presbyterianer, die Pentecosta Church (Pfingstgemeinde) uvm.
Kabalagala oder Fußball im Slum
Das Amüsier-Viertel der Stadt – der Kiez von Kampala ist in Kabalagala.
Hier wohnen auch viele der wenigen Weißen, wie man sagt. Entlang der Hauptstraße
reihen sich Bar an Bar, Kneipe an Kneipe, aber das ist jetzt am frühen Nachmittag
nicht unser Ziel. Abseits der Hauptstraße liegt auch eines der größten
Slums. Auf einem schmalen schlammigen Weg aus roter Erde, auf dem offenbar selten
ein Fahrzeug entlang kommt, bahnt sich der Botschaftsbus seinen Weg dorthin durch
Schlaglöcher, Pfützen und Straßengräben. Die Straße
ist voller Menschen. Hier ist das Leben! Muzungu, Muzungu! Viele Augenpaare verfolgen
uns aufmerksam auf unserer Fahrt. Links und rechts von uns befinden sich aus
Brettern und Blech gezimmerte Geschäfte – Buden in denen die unterschiedlichsten
Waren gehandelt werden.
Wir sind unterwegs in offizieller Mission mit Holger, dem deutschen Vize Botschafter
und Anke Rathey und besuchen ein von ihnen unterstütztes Schulferien-Projekt
für die Kinder dieses Viertels. Es ist paradox, denn die Leute hier sind
so arm, dass sie sich die Schulgebühren für ihre Kinder nicht leisten
können und diese deshalb auch nicht zur Schule gehen. So etwas wie Ferien
gibt es daher gar nicht für die meisten der 680 Kinder, die hier leben.
In Kooperation mit einem Teil der ugandischen National Elf und Edgar Watson wird
hier heute ein Fußball-Workshop veranstaltet und hunderte von Kindern in
verschiedenen Altersgruppen rennen und treten auf dem roten Platz nach dem Ball.
Ganz nach ugandischer Art wird eine Rede nach der andern geschwungen und schließlich übergibt
der Vize-Botschafter noch ein echtes Trikot von Bayern München an die junge
zahlenstarke Mannschaft und einen Fußball, den er natürlich in das
Tor am Platz kicken muss. Klappt auch: Tor!
Eine Ausstellungseröffnung
Unser Freund der Daudi, seines Zeichens Vizepräsident der Ugandan Artist
Association ist vielseitig und geschickt. Je nachdem, wen er trifft und wie es
gerade passt, stellt er sich anders vor: als Künstler, als Galerist, als
Weinhändler oder Geschäftsmann. Die Weinhandlung ist noch nicht eröffnet
und Wein ist hier ja auch exorbitant teuer, aber heute ist Ausstellungseröffnung
in seiner Galerie. Der ausstellende Künstler kommt aus Karamojong, einem
Bezirk im äußersten Nordosten des Landes, der bekannt ist für
seine Lebendigkeit alter Traditionen und auch für seine Rückständigkeit.
Seine Bilder sind starkfarbig und man sieht, dass er malen gelernt hat. Es mangelt
darauf nicht an nackten Frauen mit großen spitzen Brüsten und die
Umsetzung seiner Sujets ist äußerst kitschig. Futter für Diplomatengattinnen.
Ugandische Redekultur
Die ugandische Redekultur lernen wir kennen bei der Abschiedsfeier für Anke
und Hubert im UGCS. Es gibt leckeres Essen, Getränke nach Wunsch und von
fast jedem anwesenden Gast eine Abschieds- und Dankesrede für die unermüdlichen
Verdienste von Anke und Hubert in diesem Verein, der ja auch unser Gastgeber
ist. Zwei der Deutschlehrer stimmen sogar ein Lied an zu Ehren der beiden. Schließlich
lassen auch wir uns nicht lumpen und ich halte ganz nach Landessitte noch eine
kleine Rede.
19.05.05
Ugandan Artist Association (UAA)
Der ugandische Künstlerverband ist neben der UGCS einer der Partner in Uganda,
die den ugandisch-deutschen Künstleraustausch tragen. Jeden Donnerstag findet
nachmittags um fünf ein Treffen der Künstler in der Nomo Galerie statt
und da sind dann auch tatsächlich nur Künstler. Annett, eine Künstlerin,
die wir gestern auf der Vernissage kennen lernten, kommt dort nicht mehr hin,
weil die Männer wie sie sagt nur Privatheiten austauschen und rumjammern.
Schade eigentlich – ich fand sie sehr nett. Das letzte Treffen dieser Art
fand allerdings nicht vor einer Woche statt, wie man erwarten könnte, sondern
bereits im März. Das spricht nicht für einen regen intellektuellen
Austausch. Peu a peu treffen die Künstler ein und genauso langsam beginnt
auch das Treffen. Erst einmal müssen Stühle her und so sind alle Anwesenden
plötzlich wieder verschwunden. Die Stuhlsuche scheint ziemlich schwierig
zu sein, so lange wie sie dauert. Um viertel vor sechs Uhr sind dann auch die
Stühle da, neben weiteren Künstlern, die inzwischen eingetroffen sind.
Im gleichen Tempo beginnt dann die Diskussion, die sich im Wesentlichen auf die
Vorstellung unserer Arbeit und den afrikanischen Kunstbegriff beschränkt.
Unsere afrikanischen Kollegen sind zum Großteil recht still und scheu,
was das Fragenstellen betrifft. So redet vorwiegend nur einer, Joseph, ein realistischer
Maler und Kunstdozent. Zwischen Kunst und Kunsthandwerk wird hier streng unterschieden
und die Künstler haben hier ihren Ehrbegriff. Crafts sind alles Gebastelte,
was in Craft Shops an Touristen verkauft wird. Kunst ist, was sich in Afro-Galerien
verkauft und das kaufen Diplomaten und Touristen. Reiche Afrikaner kaufen keine
Kunst und geben ihr Geld lieber für andere Sachen aus wie man uns erzählt.
Kunst ist nach ihrer Definition figürliche, manchmal abstrakte Malerei und
Schnitzkunst bei einem Kunstbegriff, der in Europa etwa vor 100 – 150 Jahren
aktuell war. Ihre kunstgeschichtlichen Kenntnisse hören beim Impressionismus
auf. Picasso kennen sie gerade noch und von Marcel Duchamp den Akt, der die Treppe
hinuntersteigt. Dann ist’s aus. Konzeptkunst kennen sie gar nicht und das,
was Beate oder ich machen scheint ihnen mehr Industriedesign zu sein. Dass Kunst
auch intellektuell oder konzeptuell sein kann, ist ihnen fremd. Kunst soll schließlich
in erster Linie schön aussehen und die Wand dekorieren.
20.05.05
Mal-Workshop im Cornerstone Heim
Cornerstone ist ein mit amerikanischen Mitteln unterstütztes Projekt, mit
dem versucht wird, Straßenkinder zu resozialisieren und vor allem ihnen
wieder ein Zuhause zu geben. Es gibt hier so viele Menschen, die auf der Straße
leben. Männer. Frauen mit Kindern. Aber vor allem Kinder. Das ist hier so.
Das ist normal. Ich nehme das so hin, weil ich irgendwie damit umgehen muss,
aber mir fällt es äußerst schwer, mich damit abzufinden. Manche
Kinder werden sogar schon auf der Straße geboren. Andere laufen von zu
Hause weg, weil die Bedingungen so schlimm sind, dass sie lieber auf der Straße
leben und sicherer als bei Mama und Papa. Häusliche Gewalt ist ein großes
Thema hier. Viele haben auch einfach keine Eltern oder Verwandte mehr, wegen
Aids oder anderen Unglücken. Dann landen sie auf der Straße, leben
von dem, was andere wegwerfen und schlafen auf dem Boden – bestenfalls
auf Kartons. Sie sind ständig auf der Flucht vor der Polizei, die sie jagt
und haben niemand, zu dem sie gehen können. Die Entscheidung in Cornerstone
zu leben und dort zu bleiben ist freiwillig. Niemand wird dazu gezwungen. In
den Heimen können diese Kinder wieder lernen auf Matratzen (in Schlafsälen
mit alten Eisenstockbetten) zu schlafen. Dort erhalten sie auch das tägliche
Essen: Reis mit Bohnen und bekommen die Möglichkeit, in die Schule zu gehen.
Manche von ihnen sind vermutlich erst zwölf, andere schon etwas älter.
In einer Gruppe von gleichen, leben die jungen Mädchen wie eine Familie
zusammen mit ihren Mentoren. Das sind ältere Mädchen, die in ähnlich
einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind und quasi wie eine Mutter für
die Gruppe sind.
Mit den Mädchen mache ich heute einen Mal-Workshop und habe dazu eine Menge
Farben, Papier und Pinsel mitgebracht, die von Credit Suisse gesponsert wurden.
Dicht gedrängt sitzen die Mädchen an zwei Tischen und die Malblocks
haben gerade noch Platz. Es herrscht fröhliche Aufregung. Viele von Ihnen
haben noch nie mit Wasserfarben gemalt. Wir beginnen und malen zuerst, was wir
besonders schätzen: Okwalaga – Love – Liebe. So lerne ich die
Wörter in Luganda, die für mein Framework Projekt hier wichtig werden
können. Das nächste Thema ist Ekirooto – Dream – Traum.
Und zuletzt malen wir, was wir uns wünschen und beginnen damit unsere Träume
zu materialisieren: Ekisubiizo – Wish – Wunsch. Erfolgreich und glücklich
präsentieren die Mädchen ihre Werke. Manche sind so begeistert von
meiner Aktion, dass sie anfangen mir ihre Tänze beizubringen. Ich stampfe
in den Boden und schwinge meine Hüften, aber das Ergebnis ist im Vergleich
Ein Abendessen mit Gesandten und
anderen Menschen
Eine Abendgesellschaft – vorwiegend Diplomaten – trifft zusammen
zur Abschiedsfeier für Hubert und Anke Rathey. Ein Kollege von ihnen, Josef
Hohmann nebst Gattin hat dazu eingeladen, auf seiner Veranda zu speisen. Das
mehrgängige Essen ist vorzüglich. Ein kleiner schwarzer Boy mit Silbertablett
buckelt devot und versorgt die Gäste aufmerksam mit Getränken. Die
Unterhaltung hat Partyniveau und so erfährt man einiges über die unehrlichen,
korrupten Ugander und die privaten Verluste, die sich daraus für manche
ergeben haben. Das Gespräch kommt natürlich auch auf Kunst und in jovialem
Ton sonnt sich ein solar-gebräunter Dieter-Bohlen-Typ in seinem Kunstbanausentum.
Wie sind die Menschen doch verschieden. Dann wärmt ein Grappa meinen Gaumen
und noch einer und noch einer.
21.05.05
Vorladung beim Botschafter der BRD
Der Botschafter, Dr. Alexander Mühlen, hat inzwischen von unserer Anwesenheit
erfahren und wünscht, uns auch kennen lernen zu können. Bei dem kurzen
Besuch in seinem Amtszimmer in der Botschaft stellen Beate und ich in einer viertel
Stunde jeweils unsere Arbeit und die anstehenden Projekte in Kampala vor. Das
Gespräch verläuft sehr positiv, er fragt nach und scheint ein echtes
Interesse für Kunst zu haben. Wir können ihn als ‚Guest of Honour’ für
unseren Kunst-Event am 16.06.05 am National Theatre gewinnen. Er selber ist auch
kreativ und druckt uns zum Abschied extra seine afrikanischen Kurzgeschichten
aus, damit wir sie lesen können. Außerdem erhalten wir eine Einladung
zum Sonntagskaffee bei ihm zuhause.
Heulende Hunde und jammernde Japaner
Allabendlich steigt das Zirpen der Zikaden aus den Gärten der Nachbarschaft
und das Gejaule der Hunde schwillt zum Heulen an. Beate freut sich darüber
nicht; es raubt ihr den Schlaf. Die Geräusche der Nacht sind hier gelegentlich
Ohren betäubend. Die benachbarte Hotelbar veranstaltet von Wochenmitte bis
Wochenende scheinbar eine Party nach der anderen mit wechselndem Musik-Programm
und unüberhörbar mit wechselnder Kundschaft. Karaoke steht hier heute
auf dem Programm und die Interpreten scheinen nach der Qualität ihrer Stimmen
und nach ihrer Schieflage im Ton zu schließen, Japaner zu sein – ein
Jammerspiel. Zum Heulen. Hier kommt man noch auf den Hund.
22.05.05
Jinja oder wissenswertes über den ugandischen Mann
Unser Freund der Daudi ruft oft an, kommt gelegentlich vorbei und erzählt
uns viel von supertollen Parties, wohin er uns mal mitnehmen will. Eine wahnsinnig
tolle Party haben wir scheinbar gerade verpasst, weil wir an dem Tag schon etwas
vorhatten. Jetzt soll eine Full Moon Party in Jinja sein, die man auf gar keinen
Fall verpassen sollte. So beschließen Beate und ich mit Daudi dorthin zu
fahren und bei der Gelegenheit auch die Quellen des Nil und die Bujagali Falls
zu besuchen. Zunächst ist unklar, wann wir abfahren, womit und warum das
gerade problematisch ist. Dann stellt sich heraus, dass unser Freund der Daudi
plötzlich ein Autoproblem hat. Das dies ein bereits länger bestehendes
Problem ist, dämmert uns jetzt. Die Abfahrt wird auf drei Uhr nachmittags
verlegt. Wir werden mit einem Freund von ihm fahren. Als er das erste Mal hierher
kam, hatte Daudi einen schicken, knallroten neuen Jeep. Das zweite Mal kam er
mit einem dunkelroten Toyota Corolla älteren Baujahrs. Auf meine Frage,
was denn mit dem schicken Jeep passiert sei, erklärt er, dass er ein Auto
für die Arbeit hat und eins für den Abend. Heute scheint er gar kein
Auto mehr zu haben. Denn das Auto mit dem er kommt, ist das seines Freundes Eric.
Schließlich fahren wir los mit dem Auto durch die Stadt, die wie immer
verstopft ist und stinkt, weiter über Land und Dörfer.
Nicht nur Autos, unzählige Matatus (Taxi-Busse), Boda Bodas, Faradtaxis,
Fahrradfahrer und –kuriere mit kühlschrankgroßen Kisten hintendrauf
sind mit uns unterwegs, sondern immer und überall auch nicht abreißende
Ströme an Fußgängern. In den Dörfern kulminiert das natürlich.
Wo die Hauptstrasse ist, ist stets viel los. Aber auch dort, wo die Bananen-
und Maisplantagen die Strasse säumen, sind die Leute zu fuß unterwegs
und transportieren Waren aller Art auf ihrem Kopf: Stapel von Bettwäsche,
Bananen im Korb und nicht zuletzt die ganze große grüne Frucht der
Matoke-Staude. Wir fahren durch Papyrus-Sümpfe, vorbei an turmartigen Gebilden,
in denen Ziegel aus der lehmigen roten Erde gebrannt werden, vorbei an Ziegen
und Rindern, weiter durch das letzte zusammenhängende Stück Urwald
(15m2), durch Zuckerrohrfelder und Teeplantagen. Schließlich fängt
es zu regnen an. Es regnet in den Bananenplantagen, den Maisplantagen, den Zuckerrohrplantagen
und den Teeplantagen. Und es hört nicht auf zu regnen. Gelegentlich sprechen
wir über den Regen. Auch im 70 km entfernten Jinja regnet es.
Die beiden Männer sind recht schweigsam. Für Freunde haben sie sich
wenig zu sagen und über das Programm des Abends wissen sie außer „Full
Moon Party“ nicht viel mitzuteilen. Wir kommen an und finden uns in einem
wenig ansprechenden lokalen Restaurant wieder, wo das Hauptinteresse Fernseher
und Fußball gilt. Der Hunger wird hier gestillt, aber offenbar sind wir
noch nicht da, denn die Fahrt geht weiter. Als wir dann endlich unser Ziel erreicht
haben, regnet es immer noch. Das Wasser fließt in kleinen Strömen über
den aufgeweichten roten Boden und im Nu haben unsere Schuhe eine fette Kruste
aus Lehm. Wir sind jetzt irgendwo auf dem Land und hier ist es stockdunkel. Ein
Parkplatzwächter wedelt mit seiner Taschenlampe herum und hält sie
schließlich auch ein bisschen auf die Stufen im Gras, die uns nach unten
führen sollen: eine Matsch und Rutschpartie. Die Afrikaner mit ihrer dunklen
Haut, die wir in der schwarzen Nacht so schlecht sehen können, haben uns
die Fähigkeit voraus, im Stockdunklen gut zu sehen. Muzungu hat dies scheinbar
im Laufe von Evolution und Elektrizität verloren. Trotz aller Vorsicht mit
dem Matsch sauen wir uns bis zum Knie ein. Geht ja noch, denkt man. Die Schwarzen
jedoch haben den Matsch nur an der Schuhsohle. Wie bleiben die bloß sauber?
Wir kommen in eine große runde Hütte mit Reeddach und Bar. Eine Gruppe
von Daudis Freunden trifft zu uns. Eigentlich kennt er aber nur einen von ihnen
gut und der elitäre Rest ist dessen Anhang. Gegenüber vom Tresen lärmt
der Fernseher in grünen Bildern: Fußball. Massenweise schwarze Menschen
und auch ein paar Weiße im sportlichen Outfit folgen gebannt dem Spiel.
Hinter uns rauscht und tost es beeindruckend. Wie ich später erfahren ist
es das Wasser des Nil, das sich mit gewaltigem Getöse über die Bujagali
Falls wälzt. Die Bar hier ist Teil des Campingplatzes an diesem Ort. Neben
Zelten im Regen gibt es auch ein paar feste Hüttchen mit Blechdach, Betten
und Moskitonetzen, die gerade zehn Zentimeter über der Matratze aufhören.
In einem solchen Hüttchen mit Blick aufs rauschende Wasser beziehen wir
Quartier. Aber hier ist nicht die Party. Der Weg geht über Rutsch und Matsch
wieder zum Auto und weiter zur Party. Die Party kostet jedoch 10.000 Eintritt.
Während die Autos im Regen warten, besprechen die Männer sich wichtig.
Weil der Preis noch zu teuer ist, wird beschlossen erst einmal in eine andere
Bar zu gehen. Es gibt Tischfußball. Es ist ein gemütlicher Ort mit
frischer Luft, wo ich zum ersten Mal mehr Weiße Schwarze sehe. Hier blickt
man von oben auf den im Dunkel rauschen Fluss wo tagsüber im weißen
Wasser Rafting praktiziert wird. Aber noch ist hier nicht wieder Tag geworden.
Bei Bier und Krökeln vertreiben wir uns die Zeit. Später ist der Eintritt
für die Party unsern Begleitern billig genug, um hinzugehen. Auf der Tanzfläche
hoppen vorwiegend Muzungu zu gängiger amerikanischer Musik, die mir eigentlich
nicht gefällt. Beate ist schlecht von zuviel Rauchen und schläft im
Auto. Daudi wittert ein Schäferstundchen. Klappt leider nicht, wie schade.
Kleine schwarze Kinder sind auch noch auf den Beinen zu dieser späten Stunde
und mir kommt die Frage in den Sinn, ob sie wohl Geldbeutel suchen. Das Bier
ist billig und alle trinken viel. Wesentlich bei diesen Veranstaltungen ist,
dass man dort ist, und dazu ordentlich betrunken wird. Sonst passiert eigentlich
nichts Aufregendes und ich fühle mich 20 Jahre zurückversetzt. Ich
möchte gehen, aber der lallende Daudi findet die Party super und braucht
noch ein Bier. Die Musik wird tanzbar und Beate taucht auch wieder auf. Endlich
können wir gehen und schlafen. Aber Daudi ist plötzlich supereinsam
und jammert herum, dass er nicht alleine schlafen kann... Schließlich gibt
er Ruhe und als er dann um zwölf Uhr mittags fertig ist mit Rausch ausschlafen,
können wir zurückfahren nach Kampala und auch noch einen Blick werfen
auf die Quelle des Nil am Fuße des Viktoria Sees.
Diplomaten in Kampala und ihre Haustiere
Frisch geduscht und in sauberen Klamotten begeben wir uns mit Anke zum Sonntagskaffe
beim Botschafter. Der Weg in sein privates Domizil führt uns über astrein
asphaltierte Strassen durch ein Viertel in dem die meisten Botschaften sind und
auch die Diplomaten residieren: Kololo. Das ist in der Stadt der Schlaglöcher
und Schlammstrassen ziemlich außergewöhnlich. Sogar frisch getrimmte
grüne Seitenstreifen gibt es. Umso mehr verwundert es mich hier Ziegen weiden
zu sehen und – seltsam genug – einen weißen Hirten. Das ist
wie ich dann erfahre, das romantische Hobby des Dr. Illing, seines Zeichens EU-Botschafter
in Kampala. Dr. Alexander Mühlen, der Botschafter der BRD, bewohnt mit seiner
Frau, die Ärztin für Psychiatrie ist, eine große Villa in quietschgelb
und einen weitläufigen Garten. Die Lage auf einer Anhöhe über
der Stadt gibt den Blick frei über die Häuser bis schließlich
zum Viktoria See. Der Nachmittag verläuft zwanglos und unkompliziert, da
die Hausmädchen am Sonntag frei haben und der Botschafter selbst serviert.
Es gibt Nescafe und Christstollen. Christstollen weil Botschafters für vergangene
Weihnachten aus Versehen zwei bestellt haben. Aber auch bei sommerlichen Temperaturen
schmeckt uns der Christstollen und die Unterhaltung ist sehr angenehm. Wir haben
noch Gelegenheit die vielen Kunstwerke unterschiedlichster Herkunft an den stark
farbigen Wänden zu betrachten und gehen dann in den Garten zu den Haustieren.
Sie haben einen netten graubraunen Esel mit einem wunderschönen Gesicht
und einem wohlklingenden Suaheli-Namen, den ich mir nicht merken konnte und der
Sturheit bedeutet. Außerdem sind da noch die beiden Royalties im Garten:
zwei weiße Gänse namens Charles und Camilla. Man kommt ihnen besser
nicht zunahe, weil Camilla brühtet und Charles daher recht griffig ist.
Tja. Entschuldigender Weise bekomme ich dann eine echte Gänsefeder geschenkt
und frage mich, ob die wohl von Charles ist oder von Camilla.
23.05.05
Grand Imperial Hotel
Nach unserem anstrengenden Wochenende genehmigen Anne, Beate und ich uns einen
erholsamen Nachmittag in diesem Luxuszentrum nach europäischen Standard.
Wir bummeln durch die vielen Flure von Boutique zu Boutique und bestaunen die
Vielfalt des Angebots: Schuhe über Schuhe, glänzende Brautmoden, glitzernde
Festkleider und auch afrikanische Modewaren aller Art. Schließlich finden
wir den Beauty Salon und lassen uns dort von den Damen verwöhnen: Hand-
und Fußpflege ist unser Programm. Ausgiebig werden Hände und Füße
gebadet, geschrubbt und gefeilt und schließlich mit Nagellack verfeinert.
Meine Farbwahl fällt auf Bright Yellow für die Fingernägel und
Deep Purple für die Zehen – traumhaft!
Der Jurist im Café
Im Café des Hauses nehmen wir erst einmal indische Snacks als kleine Stärkung
zu uns, um dann schließlich auch den lokaleigenen Kaffee genießen
zu können. Ganz entgegen ugandischer Gewohnheit ist der Kaffee hier schön
stark. Es gibt sogar Cappuccino und er schmeckt auch! Das Café scheint
nicht zufällig beliebt zu sein, alle Tische sind besetzt. Schließlich
setzt sich ein afrikanischer Geschäftsmann zu uns an den Tisch, der sich
als Jurist entpuppt. Er erzählt, dass er gerade seinen Fall verloren hat.
Auf meine Frage, worum der Fall sich denn handle, antwortet er freigiebig: Korruption
in Uganda. Ein Freund leiht einem Freund Geld, 6000 US$. Als Sicherheit gibt
einer dem andern die Urkunde für seinen Grundbesitz. Als der Freund seine
Schulden begleicht und sein Pfand zurück haben will, muss er erfahren, dass
der Freund das ganze Grundstück bereits verkauft hat. So ein Pech. Aber
Handel wie dieser ist hier an der Tagesordnung. Hauptsache: Geld her. Ich habe
selten so viele materialistische Menschen getroffen wie hier in Uganda.
24.05.05
Boda Boda
Das Mopedtaxi mit dem weich gepolsterten Beifahrersitz ist eines der schnellsten
Verkehrsmittel durch das ständig verstopfte Kampala. Es ist dafür ein
bisschen teurer und vielleicht auch gefährlicher. Eine Helmpflicht gibt
es in Uganda nicht. Wenige haben einen Helm, hier fährt man ’open
air’. Sie fahren wie der Henker und quetschen sich, wendig wie sie sind, überall
zwischen den Autos, Matatus und Schlaglöchern hindurch. Dass dies auch manchmal
schlecht ausgehen kann, erfahren wir von Judah, der eines Morgens mit einem weißen
Kreuz auf dem Hinterkopf auftaucht – ein Pflaster. Sein Boda-Boda-Fahrer
ist mit einem Kollegen zusammen gestoßen. Nicht selten sitzen bis zu vier
Leute auf einem Boda Boda und die kleinsten ganz vorne auf dem Tank. Frauen reisen
grundsätzlich im Damensattel. Bei unserer Fahrt zum DED (Deutscher Entwicklungsdienst)
in der Nakassero Rd liefern sich der Fahrer von Beate und mir ein kleines Wettrennen.
Immer schneller geht die Fahrt, aber es macht Spaß. Nach Erreichen unseres
Ziels können wir hier nun den Film „Der Untergang/The Downfall“ sehen.
Der Untergang/The Downfall
Es ist eine geschlossene Veranstaltung mit Häppchen und Drinks von der deutschen
Botschaft. Wieder einmal ein Film über die Nazis. Aber diesmal konzentriert
sich die Story auf die Person Hitler während der letzten Tage des Krieges.
Diese totale Verbohrtheit und diese wahnsinnige Absurdität damals schildern
tatsächlich den Realitätsverlust eines ganzen Volkes. Albert Speer,
der Architekt der Konzentrationslager, kommt jedoch ein bisschen zu gut weg.
Angesichts der Deutschen Geschichte und der Enthüllungen dieses Films ist
mir wieder richtig schlecht. Wann werden wir Deutschen wohl Ruhe finden über
unserer schrecklichen Vergangenheit?
25.05.05
Beim Schuster
Zur Unterstützung der einheimischen Lederindustrie gibt es hier im Industriegebiet
in der Nachbarschaft von Ikea eine Taschen- und Schuhmanufaktur, Crane Shoes,
die von verschiedenen NGOs (Non Governmental Organisation) ins Leben gerufen
wurde und die Maßschuhe nach Kundenwunsch herstellt. Interessant – denken
wir uns und fahren ganz auf Konsum eingestellt hin. Verschiedene Modelle sind
dort im Schauraum ausgestellt und außerdem gibt es diverse Vorlagen, nach
denen man sich den Schuh machen lassen kann. Diese stammen aus verschiedenen
europäischen Modezeitschriften der letzten Jahre. Das Leder kann man sich
auch aussuchen. Zur Auswahl stehen schwarzes gegebenenfalls braunes Leder und
auch Nile Perch (Viktoriabarsch) in allen Farben oder Krokodil in beige-grau.
Ich entscheide mich für ein vorhandenes Männer-Sandalenmodel aus dem
Regal in Fischleder und ganz vertrauensvoll auch für eine Damensandalette
nach Vorlage. Es dauert eine geschlagene dreiviertel Stunde bis der freundliche
Kundenberater die Bestellung samt den Maßen des Fußes aufgenommen
hat. Ob sie das wohl hinkriegen? Seine Auffassungsgabe ist nicht gerade die schnellste.
Auf jeden Fall kann man gespannt sein auf das Ergebnis.
26.05.05
Mit Ronnie durch die Stadt
Meistens sind wir mit Anne im Auto unterwegs und langsam bildet sich in meinem
Kopf ein gewisses Verständnis von der Stadt. Meinem Freiheitsdrang läuft
dieses ständig-im-Auto-eingeschlossen-sein jedoch zuwider. Ich muss raus,
auch wenn es hier möglicherweise ungemütlich werden kann. Kampala gilt
als nicht so gefährlich wie Nairobi in Kenia. Man spricht von der Stadt
als freundliches Dorf. Glücklicherweise gibt es jemand der uns durch die
verschiedenen Gassen und Viertel der inneren Stadt führen kann: Ronnie – ein
ehemaliges Straßenkind. Mein Orientierungssinn wird bei diesem Spaziergang
durch die Stadt erheblich verbessert.
Den ganzen Tag lang sehe ich eigentlich nur Afrikaner und außer ein paar
indischen Gesichtern und einem Chinesen, der an mir vorbeiläuft, ist die
Welt hier Schwarz und wuselig. Die Gassen und Pfade durch den Owino Markt sind
so eng, dass man sich hindurch winden muss zwischen all den Waren und Menschen,
die sich einem in den Weg stellen. Die einzelnen Stände sind oft nur 2 m2
groß. Sie reihen sich endlos aneinander wie auch innen ihre Waren, die
wie eine Wand einen Stand vom nächsten trennen. Auf diesen 2 m2 sitzen oder
liegen dann oft bis zu drei oder vier Menschen, die wenn ich vorbeikomme „Muzungu,
Muzungu“ rufen und mich auffordern, mich zu ihnen zu setzen oder versuchen
mich an meinem Arm in ihren Stand zu ziehen. Ich schaue mir das erst einmal alles
an und kaufe zur sichtlichen Enttäuschung der Händler nichts. Das Angebot
der Waren ist allerdings unglaublich.
27.05.05
Wandbilder gegen Häusliche Gewalt
Eddie Bbira hat an den sozialen Brennpunkten der Stadt Comics über häusliche
Gewalt auf die Wände gemalt, die von einer skandinavischen NGO finanziert
wurden um so vor Ort auf die Leute einzuwirken. Unser afrikanischer Künstlerfreund
führt uns in die Slums und zeigt uns seine Arbeit. Wir gehen zu Fuß vorbei
an immer schäbiger werdenden Häusern und Bauten und kommen schließlich über
die rote Erde zu einer Lehmhütte, wo er direkt auf den Lehm gemahlt hat.
Sofort kommen Kinder und setzen sich unter das Bild um mit auf das Foto zu kommen.
Wir gehen weiter über den Hügel zum nächsten Slum. Auf dem Weg
begegnen uns verschiedentlich Leute, Hunde und auch mal eine Kuh oder Ziege.
Auf jedem freien Quadratmeter werden Mais, Bananen und sonst was angebaut. Der
Slum, in das wir jetzt kommen ist noch schlimmer. Dicht gedrängt stehen
die kleinen, Lehmhütten aneinander. Beim Metzger hier hängt das Fleisch
an der frischen Luft, schwarz vor Fliegen. Als wir vorbeikommen werden die Fliegen
verscheucht. Es stinkt hier. Das Abwasser läuft oft direkt über den
weichen lehmigen Boden weg. Daneben spielen die zahlreichen Kinder und trocknet
die Wäsche. Das Thema der unterschiedlichen Bilder, die wir zu sehen bekommen,
ist immer wieder das gleiche: Männer, die ihre Frauen und Kinder missbrauchen,
betrügen und schlagen.
28.05.05
Tag der Offenen Tür im UGCS
Im Haus werden dafür große Vorbereitungen getroffen. Auf dem Hof stellen
die Männer ein großes weißes Zelt auf für Infostände
für die Deutschkurse und den DAAD. Meine ehrenwerte Aufgabe ist alles nett
zu dekorieren – mit kleinen schwarz-rot-goldenen Fähnchen. Das ist
seltsam. Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zur deutschen Fahne.
Im Haus müssen die Bilder neu gehängt werden, weil der afrikanische
Künstler das nicht besonders genau damit genommen hat. Betty, Grace und
Carolin sollen sich um die Würstel und den Leberkäs auf dem Grill kümmern.
Jeder rennt irgendwie wichtig herum, arbeiten tun nur wenige. Schließlich
geht’s los und jede Menge Leute kommen. Am Grill herrscht Chaos. Wie grillt
man Leberkäse und Würstchen? Wie geht eine Leberkässemmel? Keiner
will so richtig die Verantwortung übernehmen und schließlich nehme
ich mich dieses Jobs an. Der Botschafter Herr Dr. Mühlen kommt und
es gibt die obligatorischen Reden. Viele Schüler sind da, die Deutsch lernen
oder lernen wollen und essen mit Erstaunen das seltsame deutsche Essen. Hubert
freut sich - endlich wieder eine Leberkässemmel und Anke ist so im Info-Stress,
dass sie kaum dazu kommt die ihre zu essen. Das Fernsehen ist auch da und interviewt
Anne. Beate und ich sollen auch mal in die Kamera lächeln. Ein Lehrerehepaar,
die eine Schule irgendwo im Norden von Kampala unterhalten, möchte uns einladen
dort doch auch Malworkshops zu veranstalten. Leider ist das zu weit weg und unser
Terminkalender voll. Enttäuschte Blicke. Viele junge Leute wollen mehr über
Deutschland wissen. Das sei doch das reichste Land in Europa und wie man dort
Freunde findet? Ein anderer möchte wissen wie man dort ein Stipendium fürs
Studium bekommt. Ich verweise auf Dominik vom DAAD und die Deutschkurse hier
um das vorzubereiten. Aber das ist nicht was er hören will. Mit ihr hat
er schon gesprochen, das kommt für ihn nicht in Frage. Leider weiß ich
auch nicht wo das Geld auf den Bäumen wächst und ich erzähle ihm
29.05.05
Vogelvielfalt
Es gibt hier schöne Vögel. Man sagt es gäbe hier die größte
Vogelvielfalt in ganz Afrika. In die Büsche mit den schönen roten Blüten
kommen hier kleine Vögel geflogen, die aussehen wie Kolibris. Der gebogene
lange Schnabel ist fast so lang wie der kleine schwarzblaue Körper dieser
Tiere, die schwirrend in der Luft stehen und den Nektar aus den Blüten saugen.
Wie sie wohl heißen?
Es gibt auch einen großen ausgesprochen hässlichen Vogel, der sich
in Gruppen auf den Grünflächen und auf den Dächern der Stadt tummelt.
Es ist der Marabu, ein majestätischer und zugleich abstoßender Storchenvogel
mit nacktem Hals, der wie ein Geier Aas frisst. Man sagt dass sich die Population
der Marabus in der Zeit der Diktatur unter Idi Amin drastisch vermehrt hat, weil
er das Fressangebot für die Tiere reichlich aufgebessert hat mit den von
ihm zu verantwortenden Leichenbergen.
Traditionelle Musik im Ndere Centre
Das Ndere Centre befindet sich auch in Ntinda ganz in der Nähe vom UGCS.
Es ist ganz neu - alles Openair und wurde mit Hilfe von österreichischen
Mitteln gebaut. Ham’s schön gemacht! Anke und Hubert machen einen
Familienausflug und nehmen uns mit. Vizebotschafters sind auch da. Um die Arena
herum reihen sich Bänke und Tische für Getränke und Snacks. Dann
beginnt die Show mit der Musik verschiedener Stämme. Die Darbietung ihrer
Tänze dazu ist toll und so sind es die Kostüme der Tänzer. Farbenprächtige
exotische Bekleidungen und viel schwarze Haut sind zu sehen. Es gibt eine Einlage
für alle anwesenden Kinder, die jetzt auf der Bühne einen Tanz mittanzen
dürfen. Den Kindern vom Vizebotschafter gefällt es dort jedoch so gut
dass sie gleich dort bleiben. Der Himmel färbt sich orange rot und die Sonne
beginnt zu sinken. Das geht bekanntlich schnell in der Nähe des Äquators.
Kurz vor Schluss gibt es dann auch noch mal Stromausfall; das hat man gelegentlich
in Uganda.
30.05.05
Gestaltung der Einladungskarte
Langsam wird’s ernst für Beate und mich! In zwei Wochen wird bereits
die Eröffnungsfeier unserer beiden Installationen am National Theatre sein.
Beate hat sogar schon einen Titel gefunden: Holes and Fillings. Sehr passend
wie ich finde. Das beschreibt zum einen unsere beiden Projekte gut und daneben
ist er eine ganz treffliche Metapher für ugandischen Pragmatismus im Alltagsleben.
Nun brauchen wir nur noch ein passendes Motiv für die Gestaltung unserer
Einladungskarte. Was könnte besser geeignet sein als die vielen Schlaglöcher!
Nicht selten sind diese ausgedehnte kleine Pools und voll mit braunem Wasser.
Natürlich ist es nicht so leicht wie zunächst angenommen eine fotogene
Pfütze zu finden. Ein wunderbares, riesiges und schön schlammiges Modell
finden wir schließlich gleich ums Eck in Ntinda. Nur noch ein paar Stündchen
am Computer und schon ist auch das Layout fertig.
31.05.05
Malworkshop mit den Cornerstone Jungs
Nachdem ich bereits einen Nachmittag lang mit den Mädchen gemalt habe, sind
nun die Jungs zum Malen dran. Sie leben in einem anderen Heim und anderen Stadtviertel
als die Mädchen zusammen mit ihren Mentoren. Diese Jungs hier sind etwas
jünger; im Schnitt 8 bis 12 Jahre alt. Vor allem sind sie echt cool. Einer
hat sogar eine Sonnenbrille und eine Hiphop-Mütze. Er rappt uns schließlich
mit seinen Kumpels was vor. Außerdem ist noch ein ganz kleiner schüchterner
Bub da. Er ist höchstens 2 Jahre alt und wird von den anderen brüderlich
aufgenommen. Hungrig wie er ist, bekommt er einen Teller mit Reis und Bohnen
und sofort greifen die kleinen Finger nach dem breiigen Essen. Man sagt er sei
nicht von Cornerstone sondern offenbar ein Nachbarskind. Er malt mit Hingabe
farbige Flecken. Die anderen Jungs sind weniger als die Mädchen am Malen
interessiert. Die meisten von ihnen haben noch einen kleinen Job am Markt, wo
sie irgendwelche Sachen tragen. Das wenige Geld, das sie dort verdienen, sparen
Sie dann gern für teure Marken-T-Shirts. Deshalb dauert es etwas länger
bis endlich alle eingetrudelt sind und wir anfangen können. Eddie ist ihr
Mentor und hilft mir bei der Organisation. Wie mit den Mädchen malen wir
verschiedene Themen. Wir fangen wieder mit Liebe an, aber Eddie meint, dass Okwalaga
(Liebe) für die Jungs zu aufregend ist. So malt jeder seine Omukwano – Freundschaft-
Friendship. Das ist wohl besser. Die meisten malen sich selbst mit ihrem Freund
einige andere auch mit dem Herrn Jesus. Und dann kommt: Eddembe – Freiheit – Freedom.
Wie alle Ugander sind sie sehr gläubig. Deshalb wage ich als nächstes
ein schwieriges Thema: Amazima - Wahrheit – Truth. Kinder sind jedoch unbefangen
und haben diese Fähigkeit noch unverstellt und direkt zu reagieren. So sind
auch diese Ergebnisse wieder sehr interessant.
Tanzen mit Mr Kato
Jeden Donnerstag gibt es im UGCS Tanzunterricht. Dann klingt Tanzmusik durchs
ganze Haus und Christopher Kato, der Tanzlehrer lässt wieder die Beine schwingen.
Schwarze Paare drehen sich rhythmisch im Raum, aber die europäischen Tanzschritte
scheinen noch nicht ganz vertraut. Mr. Kato zu beobachten ist jedoch wirklich
beeindruckend. Seine Eleganz und Geschicklichkeit verbergen, dass er schon über
80 Jahre alt ist. Da weder Beate noch ich wirklich tanzen können, lässt
er es sich nicht nehmen uns Chachacha beizubringen. Ganze zwei Stunden lang!
Abschließend erfrischt sich der alte Herr mit einer Fanta und erzählt
uns von seiner Karriere. Das Tanzen hat er als junger Mann nach einem Buch gelernt,
weil er als Schwarzer zu den Veranstaltungen der Weißen nicht zugelassen
war. Eigentlich wollte er als damals an Tournieren in Europa teilnehmen.
Aber als er schließlich das Geld dafür zusammen hatte und auch das
Visa, konnte er wegen der politischen Lage im Land nicht ausreisen. Was für
ein Schicksal. Jetzt gibt er auch Tanzunterricht im Ugandischen Fernsehen.
01.06.05
Burning Moon
Heute ist eine Kunstveranstaltung in der
Alliance Française. Zunächst wissen wir nicht was uns dort erwarten
wird, aber die Franzosen hier sind bekannt für ihre umtriebige Kulturarbeit.
Als wir hinkommen sind bereits eine Menge Leute dort. Anke und Hubert samt ihren
kleinen Kindern sind schon da und genießen ihren letzten Abend in Kampala.
Henry Mzili Muzunga, der Star der Künstlerszene taucht auch auf. Wir hatten
schon von seiner mysteriösen Rückkehr aus Europa erfahren. Ich erfrische
mich an einem Stoney, einer Ingwerlimonade, die echt lecker schmeckt, während
eine Videoprojektion an der Wand vor uns flimmert. Es gibt Live-Musik: Afrikanischer
Jazz und gar nicht so schlecht. Schließlich schauen wir uns die Ausstellung
und die Aktion auf der Galerie und im Treppenaufgang dorthin an. Die Malaktion
ist bereits voll im Gange und mehrere Künstler krabbeln um Leinwände
auf dem Boden herum ausgestattet mit Pinseln und Farben. Die ausgestellten wie
auch die entstehenden Bilder sind schwer gewöhnungsbedürftig. Jedes
Bild wird von zwei Malern gemalt, und zwar jeweils feinsäuberlich bis zur
Mitte. Also hat man eigentlich 2 Bilder, aber eben auf nur einer Leinwand, was
die Sache wahnsinnig interessant macht. Kein einziges Bild überzeugt. Von
einer gemeinsamen Komposition oder einem gemeinsamen Ziel der Maler kann nicht
gesprochen werden. Man hat eher das Gefühl, dass der Maler links gegen den
Kollegen rechts anmalt und einer versucht den anderen zu übertrumpfen. Letztendlich
geht es nur darum wer das größere Ego hat und mehr Ansehen auf dem
gemeinsamen Format gewinnt. Ich bin enttäuscht und gebe dem Ausdruck. Henry
scheint erst nicht verstehen zu wollen, was ich sage, aber meint dann, dass das
natürlich an den anderen Künstlern liegen würde. Ich und er sollten
doch einen auch gemeinsamen Versuch machen. Ok. Ich bin zwar kein Maler, aber
verstehe genug von Farbe um mich darauf einzulassen. Und obwohl ich nur auf das
eingehe, was Henrys Pinsel vorgibt, ohne meine eigene Großartigkeit herauszukehren,
versucht er nicht anders als seine Kollegen das Format zu dominieren. Ein Interesse
an einem gemeinsamen Prozess und Ergebnis kann ich auch bei ihm nicht feststellen.
02.06.05
Ein Besuch in Entebbe
Unsere Freunde und Gastgeber, die lieben Ratheys, werden heute mit Sack und
Pack das Land verlassen, wie schade. Zu diesem Anlass haben wir mit Anne eine
kleine Abschiedszeremonie am Flughafen vorbereitet. So begeben wir uns in freudiger
Erwartung am frühen Vormittag auf unseren Ausflug nach Entebbe. Bisher
haben wir ja auch nichts vom Land gesehen außer diesem Moloch von einer
Stadt.
Die Entebbe Botanical Gardens sind Welt berühmt. Vor unserer Ankunft
dort decken wir uns erstmal mit Bananen ein, denn wir wollen gerne die dort
heimischen Affen füttern. Der Garten ist wunderschön, riesig und
sehr alt. Wir machen eine Spazierfahrt durch den Park. Die Anlage geht zurück
auf die natürliche Vegetation am Viktoriasee und wurde von einem Engländer
Mr Whyte 1898 zum Landschaftspark aufgewertet. Es gibt sogar einen Teil mit
echtem Urwald. Das dichte Dickicht in Dunkelgrün erscheint uns undurchdringlich.
Der erste Tarzan wurde hier gedreht und Hemingway ist hier auch schon herumspaziert.
Wir spazieren weiter zu den Affen. Unsere Bananen kommen sehr gut an. Sie werden
uns fast aus der Hand gerissen. Ein ganz gewitztes kleines Kerlchen schafft
es dann doch tatsächlich uns die ganze Tüte zu entreißen und
damit abzuhauen. Aber der kennt mich schlecht. Mit größtem Vergnügen
nehme ich Verfolgungsjagd auf und kann ihm schließlich die Bananen wieder
abluchsen.
Von dem ganzen Affenzirkus erholen wir uns dann am Pool des Beach
Resort Hotel bei untergehender Sonne an den Ufern des Viktoriasees. Sauberes
Wasser und schöne Schwimmbecken hat man hier nicht oft im Land. Und bevor wir weiter
zur Abschiedszeremonie am Flughafen fahren, gönnen wir uns noch ein Abendessen
im Windsor Lake Viktoria Hotel, einem beeindruckenden architektonischen Überbleibsel
aus der Kolonialzeit.
Kaum am Flughafen angekommen, erscheint auch schon der
Bus mit der Brassband in voller Montur. Die von uns bestellte Brassband ist
eine Kinderblaskapelle, die der Hubert mit unterstützt hat. In seinem Heimatort hat er bei sämtlichen
Bläsern und Blaskapellen alte oder ausrangierte Blechblasinstrumente gesammelt
und diese Gruppe damit ausgestattet, damit die Kinder eine Beschäftigung
und einen Verdienst haben. Kurz nachdem die Blaskapelle ihre Probe ansetzt kommt
auch schon die Polizei und will den Lärm verbieten. Gott sei Dank können
Anne und Beate den gewichtigen Polizisten von der Bedeutung dieser Übung überzeugen
und erreichen, dass die Brassband weiter spielen darf. Schließlich kommt
auch der Botschaftsbus mit den Ratheys. Die Überraschung gelingt großartig
- auch zu unserer Freude. Und Herr Holderbaum Botschafter a.D., der ebenfalls
auf dem Weg zur Abflughalle ist, schaut sehr überrascht mit welchem Pomp
und Trara hier deutsche Gesandte verabschiedet werden.
03.06.05
Besuch bei Elly Tumwine
Anne hat uns einen Termin bei ihrem alten Freund verschafft. Gegenüber von
der Nomo Galerie in Kololo liegt nicht nur das Perl Restaurant sondern auch Elly
Tumwines Showroom. Wir haben bereits viel über ihn gehört und sind
neugierig wer uns da in dem Bungalow erwarten wird. Eine junge Frau tritt heraus
und führt uns zu ihm in sein Büro. Dort sitzt ein großer, etwa
50-jähriger Mann mit schwarzer Sonnenbrille (und Augenklappe) im abgedunkelten
Raum – Elly. Softdrinks werden gebracht. Die lederne Sitzgruppe auf der
wir sitzen, ist wie es aussieht auch von ihm entworfen. Darauf ist die Landkarte
Ugandas mit verschiedenen Fellen abgesetzt. An einer Wand hängen auch Fotos
von einer Herde Rinder, die sein ganzer Stolz sind. Er selbst trägt wie
wir schon gehört haben seine eigenen Kreationen: ein Hemd mit Motiven aus
dem afrikanischen Tierleben. Da tummeln sich Löwen mit enormen Mähnen,
Rinder mit weit geschwungenen Hörnern, Nilpferde Wasserbüffel und natürlich
Elefanten. Der gesamte Raum ist angefüllt mit verschiedensten Artefakten:
stapelweise Bücher und Magazine, Ölbilder, diverse Fotos mit Rindern,
seinem Portrait oder Museveni und auch bedruckte Stoffe, Glasbilder und Seidenmalerei.
Man sieht er will etwas sagen. Dann zeigt er uns eine Mappe, in der er die alten
Muster und Symbole dokumentiert hat, welche in alter Zeit die Hauswände
der Lehmhütten zierten. Er wiederum hat diese in seine Stoffmuster integriert.
Sein neuestes Projekt ist eine Musik-CD, denn nur so meint er kann er die Jugend
hier erreichen. Aus meiner Sicht ist er der einzige wahre Künstler in Uganda,
der uns bisher vorgestellt wurde. Dabei wird der einstige Berater Musevenis,
der nach seinem Kunststudium lange Zeit in der Armee für die Befreiung Ugandas
und um die Entmachtung Idi Amins gekämpft hat, von den Künstlern der
UAA abgelehnt.
4.-6.7.06.05
Die wilden Tiere
Nachdem Taga uns auch trotz mehrmaligen Versprechen hängen lässt
und uns angeblich wegen seiner eifersüchtigen Frau nicht mit in die National
Parks nehmen kann, bietet uns Anne an, mit ihrem Auto dorthin zu fahren. Toll!
Natürlich fahren wir auch mit einem 2WD Honda los! Bernadette unsere neue
Mitbewohnerin kommt auch mit. Wir freuen uns schon auf die Wildnis mit echten
freien Elefanten Zebras, Löwen, Krokodilen usw. So machen wir uns auf
den Weg, vorbei am Viktoriasee nach Westen zum Lake Mburo NP und Queen Elizabeth
NP. Die Sensation auf der Strecke sind die Autos und Laster, mit denen frischer
Fisch nach Kampala transportiert wird. Die Methode den Fisch frisch und kühl
zu halten ist eine ugandische Besonderheit. Ich würde das auch gerne mal
sehen, aber auf der hinteren Sitzbank ist die Sicht nach vorn schlecht und
so höre ich immer nur: Da war wieder so ein Auto mit Fisch am Kühler.
Zur Kühlung wird der Fisch hier tatsächlich in den Fahrtwind vor
den Kühler gehängt. Bizarr – aber es scheint ja zu funktionieren.
Es dämmert schon als wir von der Hauptstrasse abfahren auf eine Sandstrasse,
die uns zum Park führen soll. Als erstes begegnen uns eine Herde Ankole-Rinder
mit ihren schönen langen Hörnern. Es ist allerdings etwas befremdlich,
denn sie stehen mitten auf dem Weg, aber schließlich lassen sie uns vorbei.
Am Eingangstor in den Park kommt es zu kleinen Verzögerungen, weil Anne
gern wie alle Ugander ermäßigten Eintritt möchte. Ist sie doch
mit einem Ugander verheiratet. Schließlich lässt sich der Officer überzeugen.
Es gibt so viele Tiere zu sehen in dieser savannenartigen Landschaft. Verschiedene
Gazellen grasen im Busch. Endlich sehen wir unsere gestreiften Lieblinge: echte
Zebras im Busch und dann steht da plötzlich ein Wasserbüffel ganz
allein. Direkt neben der Strasse picken zwei Kronenkraniche im Staub herum.
Aufregend ist das. Der Park ist bekannt für seine reiche Vogelwelt. Auch
Affen und Warzenschweine kreuzen hie und da unseren Weg zum Campingplatz. Aber
zu dieser späten Stunde sind alle Hütten schon vergeben. Inzwischen
ist es stockdunkel. Wir gehen erstmal was essen im Restaurant am See. Währenddessen
werden wir aufmerksam auf ein erstaunliches Grunzen. Keine 5m von uns entfernt
erblicken wir ein grasendes Nilpferd im Schein der Taschenlampe. Schließlich
weist man uns den Weg zu einem Gästehaus am anderen Ende des Parks. Wir
installieren unsere Moskitonetze und fallen müde in unsere Betten.
Der neue Tag beginnt mit einem Omelette und einer Bootsfahrt. In einem schwindlig
schmalen Fischerboot, wo man fast zwischen den einzelnen Bohlen hindurchschauen
kann, unternehmen wir eine kleine Exkursion über den See. Mit Schwimmwesten
natürlich. Es ist wunderbar wie sich der Dunst lichtet und das Boot in
leichter Fahrt über das stille Wasser gleitet. Eine Ansammlung Nilpferde
vergnügt sich im ufernahen Wasser und ein Fischadler blickt von hoch oben
im Baum zu uns herüber. Der Fahrer aber sucht nach Alligatoren und kann
sie nicht finden. Eigentlich seien die doch immer hier im Papyrussumpf. Auf
der anderen Seite finden wir die Krokodile dann doch. Aufregend. Wegen meiner
Kurzsichtigkeit kann ich es schwer identifizieren und behelfe mich mit einem
Blick durch ein Fernglas. Ah! Und Oh! Meine Kamera fällt 'plopp' in das
im Boot befindlich Wasser. Das ist natürlich das Ende der Bilder. Und
auch der Kamera. Wie ärgerlich.
Auch zum Queen Elizabeth National Park geht der Weg von der Hautstrasse ab über
Schotterpisten. Schon wandern die Antilopen durch die Pampa. Warzenschweine
sehen wir gelegentlich. Auf einmal schreit Beate: Elefant! Und tatsächlich
steht da ein Elefant in unmittelbarer Nähe direkt hinter dem Busch neben
unserem Auto. Wir sind ganz aufgeregt: ein Elefant und so nah. Aber es kommt
noch härter. Zwei Fliegen im Auto halten uns in Atem. Man denkt Fliegen,
was können diese Fliegen schon tun? Aber das sind doch Zteztefliegen!
Bernadette kennt sie schon von ihrem letzten Trip. Große Aufregung! Mitten
im Park halten wir an obwohl das schwer verboten ist und ziehen uns unsere
langen Hosen an. Die Hosenbeine werden sorgfältig in die Socken gestopft
und auch sonst ist jeder freie Quadratzentimeter Haut bedeckt. Wir wollen keine
Schlafkrankheit. Quartier beziehen wir dann in der Mweya Game Lodge. Eine echte
Nobelabsteige ist das. Wir verhandeln einen guten Preis für ein kleines
Appartement und genießen den Luxus. Vor es ganz dunkel wird fahren wir
aber noch mal raus in den Park, denn ich habe gehört, dass direkt neben
der Strasse eine Löwenfamilie zu sehen sei. Wir haben Glück. Die
beiden hoheitsvoll dreinblickenden Löwinnen und ihre 5 herumtollenden
Jungen sind sehr schön anzuschauen. Wir sind schwer beeindruckt als uns
dann auch noch ein Leopard gute Nacht sagt.
Am nächsten morgen geht’s früh los auf Safari. Es ist noch
dunkel als wir den Ranger treffen, der uns begleiten wird und dann fahren wir
los. Die Schatten über der Savanne lichten sich. Die Sonne gleicht einem
orange, ovalen Ball und schiebt sich langsam aus der Dämmerung über
den Horizont. Es ist ein wunderbares Erlebnis. Im hohen Gras weiden Herden
von Gazellen und Antilopen und auch der seltenere Uganda Kob ist zu sehen.
Der Ranger spricht von Elefanten und Löwen, die er finden will und lässt
Anne mit ihrem Honda über holperige Feldwege fahren. Ein dickes Nilpferd
ist ganz allein unterwegs ohne Wasser weit und breit. Verwunderlich. So schön
dieser frühe Morgen auch ist, so wenig zu sehen ist gleichzeitig auch
von Löwen und Elefanten. Schließlich fahren wir zurück zur
Lodge und nehmen unterwegs noch einen verunglückten Einheimischen mit,
der seine Wunden zuhause heilen will. Später am Swimmingpool erholen wir
uns dann vom frühen Aufstehen und genießen den Luxus in der Lodge.
Ein Aperitif fehlt nicht dabei. Der Blick von der Terrasse hier ist
grandios: Am gegenüberliegenden Ufer des Kazinga Chanel baden die Elefanten.
Auf diesem Kanal machen wir dann am Nachmittag noch eine Bootsfahrt. Das sicherheitstechnisch
nicht gerade überzeugende Boot schwankt gemächlich durch die Fluten
vorbei an Nilpferden, Wasserbüffeln, Elefanten, Reihern, Wasserläufern,
Pelikanen, rot-gelb Schnabel-Störchen und anderen Wasservögeln. Sogar
einen Alligator sehen wir. Die Fischer in ihren schmalen Booten fahren an uns
vorbei hinaus in den See und werfen ihre Netze aus. Unser Boot macht kehrt
und zurück geht die Fahrt.
Unsere letzte Nacht hier verbringen wir hier in der benachbarten Herberge, wo
die Betten billig aber ordentlich sind. Nachdem Frühstück brechen wir
auf und treten die Heimreise nach Kampala an, die leider nicht ohne Hindernisse
verläuft. Auf halber Strecke bleiben wir liegen und schaffen es gerade noch
in eine Tankstelle. Um den Fehler zu finden geht der Mechaniker mit uns auf Probefahrt
und bringt uns dann auf einen kleinen Hinterhof irgendwo in der Stadt, wo schon
andere Autos aufgebockt sind. Der Tankstellen Mechaniker verschwindet wieder
und drei junge Männer fangen an dem Auto herumzumachen an. Es scheint sehr
kompliziert zu sein. Oder machen sie es kompliziert? Unser ganzes Gepäck
besehend aus lauter Tüten und Taschen muss erst einmal raus aus dem Kofferraum
und dann werden alle Reifen abgeschraubt. Das halbe Auto wird vor unseren Augen
zerlegt. Diese Aktion und unsere Anwesenheit scheinen die Attraktion hier zu
sein. Mindestens 20 Kinder und verschiedene Erwachsene stehen um uns herum und
beobachten uns neugierig. Der Haufen mit unserem Gepäck zieht auch viel
Aufmerksamkeit auf sich. Jede kleinste Bewegung, die wir tun, wird registriert.
Aber auch wir haben unser Gepäck im Auge und so verschwindet nichts. Spät – es
dämmert bereits - können wir dann endlich wieder weiterfahren.
08.06.05
Materialkauf
Wir befinden uns bereits im Endspurt vor unserm großen Event und ich
beginne mit der Fertigstellung der Arbeiten an meiner Fensterinstallation.
Verschiedene Materialien müssen noch beschafft werden. Plexiglas wäre
da vor allem zu nennen und Beate braucht Schaumstoff für ihre Arbeit.
Eine Bohrmaschine muss ich auch noch auftreiben. Mit Anne haben wir bereits
einen Laden für allerlei Baumaterialien und auch Plexiglas in der Nähe
des Nakassero Market entdeckt. Daudi kommt heute mit uns, um beim Einkauf zu
helfen und damit wir nicht übers Ohr gehauen werden. Das ist echt nett
von ihm. Natürlich laden wir ihn dann anschließend zum Essen ein.
Im Laden suche ich eine Platte Plexiglas aus. Hier bekommen sie das Plexiglas
aus Saudi Arabien geliefert. Wir können einen fairen Preis vereinbaren.
Spannend wird es als ich die Maße angebe, in denen die Platte zugeschnitten
werden soll. Ein neues feines Sägeblatt wird einem Jungen von der Strasse
gegeben, aber keine Säge dazu. Damit wird er also die Platte zusägen.
Ich kann’s kaum glauben und will erst für die Platte zahlen, nachdem
alles sauber zugeschnitten ist. Darauf lassen sie sich aber nicht ein. Ungläubig
und staunend sehe ich dann zu wie dieser Junge ganz flink und präzise
mit dem Sägeblatt die Platte durch säbelt, und zwar auf dem bloßen
Beton.
Ausgehen
Anne, Beate und ich sind fast immer und ständig gemeinsam unterwegs.
An so etwas bin ich nicht gewöhnt. Dass ich das überhaupt noch kann überrascht
mich. Für ein paar Stunden löse ich mich aber aus dem engen Verbund
mit den Mädels. Ich gehe heute aus und alleine, ohne die beiden anderen.
Oh wie ist das schön. Es ist sehr angenehm, endlich wieder etwas unabhängig
zu sein. Kisementi ist ein Viertel, wo es nicht nur eine ganze Reihe Geschäfte
gibt, in denen Muzungu einkaufen kann, sondern es gibt auch Restaurants und
Kneipen, wo Muzungu isst und trinkt. Diese Empfehlung kommt auch von Anke.
Im Krokodil, einem Restaurant mit französisch-italienischer Küche,
treffe ich mich dann mit Jörg und er erzählt mir ein bisschen was
von seinem Job als Regierungsberater in puncto Wirtschaft. Interessant.
09.06.05
Die afrikanischen Probleme
Es beginnt mit der Öffentlichkeitsarbeit für unseren Event. Keiner
will sich so recht dafür zuständig fühlen. Die hilfsbereite
Anne fühlt sich damit überfordert und Henry Ssewannyana, der für
die Öffentlichkeitsarbeit des UGCS verantwortlich ist, lässt sich
nie blicken. Die Email-Distribution unserer Einladungskarte wird zum Problem,
weil Anne und Judah ihre Aufgabe darin nicht sehen. Zudem können wir den
Computer in der UGCS nicht zum Versand nutzen, weil der das nicht packt. Alles
bleibt uns überlassen. Wir verbringen einen ganzen Tag damit, ein Internet
Café und da einen Computer zu finden, der unsere 2000 Einladungen verschickt.
Beate will außerdem ihre Webseite ins Netz stellen. Klappt alles nicht.
Schließlich helfen uns die netten Herren von der Alliance Française,
die ja auch Mitveranstalter sind und die Emails können verschickt werden.
Daneben kümmern sie sich auch um die gedruckte Einladungskarte. Die Franzosen
sind wesentlich besser ausgestattet mit Equipment und Mitarbeitern als ihre
deutschen Kollegen hier.
10.06.05
Eine Bohrmaschine
Die Probleme nehmen kein Ende. Besser man betrachtet sie nicht als solche.
Ein halber Tag vergeht, bis ich endlich die letzten Kleinigkeiten habe und
vor allem eine Bohrmaschine, damit ich mit dem Bohren der Platte anfangen kann.
Der Werkzeugbestand des UGCS beschränkt sich auf ein paar Schraubenzieher,
einen Hammer und eine Heckenschere. Freundlicherweise leiht mir Dominique vom
DAAD ihre Bohrmaschine. Ich brauche sie nur bei ihr abzuholen und Gott sei
Dank wohnt sie in der Nähe.
Das Wort
Die Suche bzw. das Finden von einem guten Wort für den Green Room im
National Theatre fällt nicht leicht. Es ist wirklich schwierig ein gutes
Wort für diese Welt hier zu finden. Die Gesellschaft ist total korrupt
und kümmert sich einen Dreck um die ganzen armen Menschen auf der Strasse.
Der Begriff Ekisa (Compassion / Mitgefühl) ist längere Zeit mein
Favorit, aber keiner weiß so genau wie man das Wort auf Luganda richtig
schreibt und dann stellt sich heraus, dass es eigentlich ’Gnade, Freundlichkeit,
Mitleid’ bedeutet. Das geht natürlich nicht. Im teuren Internet
finde ich schließlich ein Online-Wörterbuch ’Englisch-Luganda’.
Hier entdecke ich auch ein paar Begriffe, die mein Interesse wecken. Schließlich
fällt meine Wahl auf Obuvunanyizibwa. Das heißt Verantwortung. Nichts
fehlt in Uganda mehr als das. Es ist gut das in die Öffentlichkeit zu
bohren, denke ich.
Bernadette
Unsere neue Nachbarin im UGCS ist eine zierliche, sehr junge und äußerst
beeindruckende junge Frau. Sie ist bereits zum zweiten Mal in Uganda und wieder
gekommen, um sich der Straßenkinder anzunehmen und Paten für sie
zu finden, damit sie wieder in die Schule gehen können. Eigentlich ist
sie Kindergärtnerin in Ostdeutschland. Nachdem sie das täglich Elend
auf der Straße und in den Slums erleben musste, gründete sie den
Verein Hoffnung Spenden e.V., um der Verelendung von Müttern und Kindern
entgegen zu wirken und ihrem Leben wieder eine Perspektive zu geben. Ohne Schulausbildung
besteht nur wenig Chance aus dem Slum herauszukommen und der Teufelskreis geht
weiter. Mit ihren Patenschaften finanziert sie neben den Schulgebühren
auch die Schuluniform und Hefte, Stifte... Oft geht sie mit kranken Kindern
oder Eltern zum Arzt um eine vernünftige ärztliche Behandlung für
ihre Schützlinge zu gewährleisten. Die Rechnung bezahlt sie dann
natürlich auch.
Eines Abends erzählt sie unter Tränen, dass sie hilflos mit ansehen
musste, wie sämtliche Kinder auf der Straße ohne Ausweis von Soldaten
mit Waffengewalt gezwungen wurden auf einen Laster aufzusteigen, um sie ab
zu transportieren. Auch Bernadette wurde bedroht. Die Soldaten schrecken nicht
einmal davor zurück, auf weglaufende Kinder zu schießen. Sogar Dreijährige
werden von der Strasse weg gefangen. Der zurückbleibenden Oma bleibt nichts
als das fassungslose Nachschauen.
Die Kinder werden dann in ein Lager gekarrt, ein so genanntes Kinderheim,
das weit außerhalb der Stadt liegt. Bis vor kurzem war dies noch ein
berüchtigtes Kindergefängnis. Außer der Umbenennung hat sich
jedoch wenig verändert. Ein paar Hundert Kinder vegetieren dort vor sich
hin. Sie haben nichts, viele sind sogar nackt. Es gibt nicht einmal genug Teller
für alle Kinder. Manche bekommen tagelang nichts zu essen. Es gibt keine
Zäune, aber Weglaufen ist zwecklos, denn sie sind zum Abschuss freigegeben
und der Weg nach Kampala ist weit.

11.06.05
Noch ein Malworkshop und Beates Projekt
Der Malkurse in Cornerstone war so ein Erfolg, dass wir noch einen veranstalten.
Diesmal wieder in einem anderen Heim und mit anderen Mädchen. Beate macht
mit den Straßenkindern und den Cornerstone-Kindern auch ein Projekt: ’Where
do we go’? Mit ihrem Projekt bekommen die Kindern in ihrer Anonymität
wieder eine Identität und können in ihrem Namen sprechen. Sie hat
kleine bunte Kärtchen für sie mitgebracht, die später an Luftballone
gebunden werden sollen. Jedes Kind darf seinen Namen, sein Alter und seinen
liebsten Wunsch auf ein Kärtchen schreiben. Anschließend fotografiert
sie ein jedes Kind damit. Die einfachen Botschaften auf den Kärtchen erzählen
von der Hoffnung eines jeden: ’I want to be a teacher’, ’I
want to be a rich man’… Schließlich sammelt Beate diese
kleinen Botschaften (112!) wieder ein, um sie schließlich bei der Eröffnung
fliegen zu lassen. Die Ballone formieren sich dabei in Worte: ’Where
do we go?’
Ein Konzert in Sabrinas Bar
Der Star der Ugandischen Unterhaltungsmusik ist Chamaeleon. Seine Songs sind
eine zeitgemäße Mischung aus melodiösem Reggae und Hip Hop.
Neben anderen Künstlern soll auch er heute Abend in Sabrinas Bar auftreten.
Da gehen wir natürlich hin. Der Saal ist voll gepfropft und schwarz mit
Besuchern als wir hinkommen und die Show bereits voll im Gange. Nicht alles
was wir hören gefällt uns gut, aber natürlich sind wir gespannt
auf Chamaeleon. Seine ganze Familie scheint Musik zu machen. Seine Brüder
treten auf mit ihren Bands. Nur von Chamaeleon ist leider den ganzen Abend
lang nichts zu sehen.

12. / 13.06.05
Das große Fieber und die Angst vor einer schlimmen Krankheit
Beate und Anne werden heute ohne mich schwimmen gehen. Ich war mit Halskratzen
ins Bett gegangen und wache jetzt bereits mit leichtem Fieber auf. Der Sonntag
fängt ja klasse an. Ich fühle mich nicht gut und beschließe
im Bett zu bleiben. Ich lese und schlafe ein Weilchen. Mir ist heiß.
Erschreckt muss ich feststellen, dass das Fieber drastisch steigt. Paracetamol
fällt mir ein, hilft bei Fieber. Ok. Ich lese und schlafe wieder ein Weilchen.
Aber trotz Paracetamol steigt das Fieber stündlich weiter und das versetzt
mir einen Schreck nach dem anderen. Fieber in Afrika. Malaria. Schlafkrankheit.
Gelbfieber? Welche schlimme Krankheit kann das sein? Als es am späten
Abend immer noch nicht besser geworden ist, fahren wir in ‚The Surgery’. Dort
werde ich in den Finger gepickt und schon ist auch das Resultat des Malariatestes
da. Negativ. Welch ein Glück! Es ist doch nur eine böse Grippe. Ich
bekomme eine Packung Ibuprofen und das wird das Fieber schon runter bringen.
Das tut es dann auch langsam und am Montagabend geht es mir schon wieder besser.
Wie bin ich froh.

15.06.05
Das Framework-Fenster für Kampala
Jetzt geht’s richtig zur Sache. Endlich kann ich mit dem Einbau des
Fensters beginnen. Am Morgen treffe ich mich mit dem hauseigenen Schreiner
vom National Theatre. Er übernimmt den Ausbau der Glasscheibe aus der
Flügeltür zum Green Room. Da der alte Kitt schon recht bröselig
ist, haben wir damit nicht viel Arbeit. Dann füge ich die neue Scheibe,
auf der sowohl ‚Obuvunanyizibwa’ als auch ‚Responsibility’ zu
lesen steht, in den Rahmen ein. Der afrikanische Kitt ist gut und die Arbeit
gelingt problemlos. Sie gefällt mir gut in diesem Raum, der als Konferenzraum
genutzt wird. Beim Hinausschauen ist vor dem Hintergrund des Parlaments ‚Obuvunanyizibwa’ zu
lesen und von draußen nach drinnen ‚Responsibility’.

16.06.05
Unser großer Tag
Heute Abend findet die Eröffnung statt und Beate hat alle Hände
voll zu tun mit der Vorbereitung ihrer Installation. Ein ganzer Trupp von Helfern
und Kletterern steht für sie zur Verfügung. Die vielen schwarzen
Ballone werden mit Helium gefüllt und an Schnüre mit den Botschaften
der Straßenkinder gebunden. Die runden Löchere in der Betonfassade
des National Theatre werden mit Schaumstoff gepolstert, so dass die Ballone
darin nicht platzen können. Natürlich knallt es am laufenden Band,
aber es sind glücklicherweise genug Ballons da und bis zum Abend sind
alle Ballone dann auch alle perfekt formiert. Die Fassade spricht: ‚Where
do we go?’ und wird von vielen Augen bestaunt. Die obligatorischen Reden
werden gehalten und natürlich spricht auch unser Ehrengast der Botschafter.
Schließlich dürfen die Ballone fliegen. Nun wird auch meine Arbeit,
die wesentlich stiller erscheint, wahrgenommen und interessiert beäugt.
Mit Softdrinks und Bier feiern wir unseren schönen Erfolg.

17.06.05
Besuch bei einer ugandischen Modedesignerin
Zur Erholung von den Ereignissen des Vortags gehen wir shoppen mit Anne und
besuchen ihre Freundin Nokuri in ihrer Boutique ‚Natasha Kaine’.
Beate und ich probieren das gesamte Angebot durch, aber die meisten Roben sind
für die schlanken, groß gewachsenen Uganderinnen geschnitten. Sowohl
sie als ich haben Schwierigkeiten uns dahinein zu zwängen. Schließlich
finde ich dennoch etwas Passendes und gehe mit einem Rock und einem Kleid in
echt ugandischem Design nachhause.

18.06.05
Sightseeing mit Umwegen
Wir möchten unbedingt noch die Kazubi Tombs sehen bevor wir fahren und
verabreden uns zu diesem Zweck mit Ronnie und seinen beiden Freunden an der
Kreuzung Wandegere. Paul kommt, aber Ronnie ist unauffindbar. Plötzlich
taucht er auf, aber mit verbundener Hand. Er war beim Arzt, hat aber immer
noch Schmerzen und Beate besteht darauf, dass er noch mal zum Arzt geht, damit
die tiefe Wunde in seiner rechten Hand genäht werden kann. Das war ihm
zu teuer. Wir gehen mit ihm in ein kleines Hospital in Wandegere. Es dauert
ein Weilchen bis Ronnie verarztet ist. Ich kann währenddessen die hinteren
Räume auf dem Weg zum Klo besichtigen. Es ist unglaublich wie eng, primitiv
und schmutzig dieses Hospital ist. Anschließend gehen wir erstmal Essen
mit den drei Jungs, worüber sie sich freuen wie kleine Könige und
dann geht’s zu den Kazubi Tombs. Dort sind die Könige begraben und
deren ehemaligen Wohnbauten zu besichtigen. Die Angehörigen vom letzten
König leben dort immer noch in den runden schilfgedeckten Hütten.
Beate und ich bekommen ein Tuch ausgehändigt, das wir uns um die Hüften
binden sollen, denn für Frauen ist der Eintritt nur im Rock gestattet.
Diese runden Hütten sind wirklich interessant gebaut. Eine konzentrische
Bambuskonstruktion trägt das Dach, das aus dicken Bündeln Schilf
besteht. Verschiedene Artefakte sind ausgestellt, welche die Reisen des Königs
nach Belgien und England dokumentieren und die Geschenke die er von dort mitgebracht
hat. Das ist nett, aber nicht besonders aufregend. Paul dagegen ist ganz Aug
und Ohr. Er war noch nie hier und lauscht mit großem Interesse was der
Führer dort zur ugandischen Geschichte erzählt.

19.06.05
Bei armen Leuten
Ich habe beschlossen Bernadettes Hoffnungs-Projekt mit zu unterstützen
und einem Patenkind die Schule zu finanzieren und ich würde es gern kennen
lernen. So fahre ich mit Eddie aus der Stadt hinaus in einen Slum in der Vorstadt.
Dort wohnt seine arbeitslose Schwester allein mit ihren vier Kindern in einem
Raum, der etwa so groß ist wie eine Garage und sich auch sonst wenig
davon unterscheidet. Ein Bett ein Schrank und ein paar Koffer sind alles was
sie hier besitzen. Der Boden ist gestampfte Erde, das Dach ist löchrig
und Fenster gibt es keine. Nur durch die Eingangstür dringt etwas Licht
in den dunklen Raum. Die Situation ist äußerst beklemmend und ich
schäme mich hier für mein Wohlergehen. Das älteste Mädchen,
das wieder in die Schule gehen soll ist fiebrig und krank, aber alle machen
ein nettes Gesicht für mich. Aus Verlegenheit vergesse ich dann auch noch
mich vorzustellen. Peinlich.
Der Bahai Tempel
Beate und Anne gehen lieber Souvenirs einkaufen, während ich mit Jörg
einen Ausflug in die Teile Kampalas mache, die ich noch nicht kenne. Eine besondere
Sehenswürdigkeit ist der Bahai Temple. Still liegt das schlichte, achteckige
Gebäude auf einem Hügel hoch über Kampala, umgeben von einem
wunderbar gepflegten Park, der zum Spazieren gehen einlädt und den Blick
freigibt auf Kampala. Das ist ziemlich einzigartig in dieser staubigen, lauten
und stinkenden Stadt. Diese Religion ist eine Art Mix aller Weltreligionen
auf Sufi-Basis.
Old Kampala
Old Kampala ist wie der schon Name sagt der alte Teil von Kampala. Die ziemlich
heruntergekommene Gegend lässt nach dem Stil der Häuser auf einstigen
Wohlstand und indische Besitzer schließen. Es gab hier einmal eine große
indische Gemeinschaft bevor Idi Amin an die Macht kam. Unter seiner Diktatur
mussten die indischen Händler und Geschäftsleute jedoch alle wieder
gehen. Jetzt verfällt das Viertel weit gehend. Die wenigen renovierten
Häuser sind Mtn-Gelb; das ist die Farbe des Markt beherrschenden Mobiltelefonanbieters
Mtn. Oben auf dem Hügel befindet sich eine riesen Baustelle. Hier lässt
Gadafi eine Moschee für die Muslime in Uganda bauen – die größte
in Afrika.

20.06.05
Der letzte Tag
Unsere letzte Fahrt mit Anne geht zum Stoffmarkt. Ein farbenfrohes Szenario
der ganz besonderen Art ist hier geboten. Prächtig! Beate und ich versetzen
unsere letztes Geld jeweils in mehrere Bündel Stoff gebatikt oder auch
bedruckt mit den allerschönsten afrikanischen Mustern. Die Wahl fällt
nicht schwer. Aber dann kommt’s.
Ich packe meine Koffer und ich nehme … ja was nehme ich mit? Alles
am liebsten! Es passt aber nicht alles in den Koffer. Beate geht es genauso.
Mit Ach und Krach quetsche ich die letzten Neuerwerbungen vom Stoffmarkt hinein.
Nun können wir ein letztes Mittagessen mit Anne beim Inder in Kisementi
genießen.
Vom Vogel in der Hand und vom Fisch auf dem Teller
Das romantische Abschiedsessen im Fischlokal am Ufer des Viktoriasees in Entebbe
mit den ugandischen Künstlern ist wie nicht anders zu erwarten sehr ugandisch.
Beate und ich dürfen selbstverständlich wieder alles zahlen. Das
Gespräch dominieren dafür fast ausschließlich die ugandischen
Künstler. Es ist kaum ein Wort dazwischen zu kriegen und ich glaube, es
interessiert sie auch gar nicht, was wir zu sagen haben. Ansonsten würden
sie eine Diskussion mit uns über Kunst in Uganda nicht erst in der letzten
Stunde vor der Abreise beginnen. Natürlich wollen sie Hilfe von den reichen
Industriestaaten für einen ugandischen Kunstmarkt. Bei genauerem Hinhören
jedoch kommt heraus, was das eigentlich bedeutet: individuelle Hilfe dabei
mehr Bilder im Ausland zu verkaufen. An Ideen wie man mehr Interesse für
Kunst in der ugandischen Gesellschaft wecken könnte, sind sie nicht interessiert,
weil sie nicht daran glauben, dass das funktionieren wird oder dass es auch
nur jemand interessieren könnte. Wahrscheinlich interessieren sie sich
für Kunst selbst nur in dem Maße wie sie ihre eigenen Bilder bestmöglich
an den Mann bringen. Ihr einziges Betreben ist Geld und davon soviel wie nur
möglich.
Ihr eigenes Prestigeprojekt, die Unterstützung eines Aidswaisenhauses,
dient einzig und allein dem Ansehen, das es ihnen bei den Europäern bringt.
Das sagen sie ganz offen! Gleichzeitig beklagen sie sich bitter darüber,
dass Künstler wie z.B. Damian Hirst und andere westliche Künstler
(!!)die Ugander mit ihren Kunstprojekten ungeniert ausbeuten würden, indem
sie Kunstprojekte mit sozialen Einrichtungen und NGOs machen. Diese würden
den Ugandern angeblich gar nichts bringen und nur dem eigennützigen weißen
Künstler und seinem Image dienen. "Ugandans are like condoms - use
them and throw them away.", so zitiert Henry Mujunga das scheinbar kolonialistische
Verhalten der Europäer. Viel mehr jedoch gehen sie selbst so mit ihren
Landsleuten um. Auf meine Frage an Henry wie er Beates Arbeit in dieser Hinsicht
sieht, geht er dann jedoch lieber nicht ein.
Der ist Neid grenzenlos wie man sehen kann. Ein Interesse an einer Verbesserung
des ugandischen Kunstmarktes ist nicht vorhanden. Das einzige wirkliche Interesse,
das sie haben ist rein egoistischer, materieller Natur und nur auf ihre persönliche
Verbesserung hin ausgerichtet. Andere interessieren nicht. Ziemlich asozial.
Armes Afrika!
|
|