FRAMEWORK
: REISENOTIZEN
New York City
01.10.2004
Am Anfang war
das Wort
Die Planungsphase liegt hinter mir. Das Projekt, das sich bis jetzt
in meinem Kopf und in Deutschland bewegt hat, kommt in die Welt: Die
Taschen sind gepackt und um 11:50 Uhr fliege ich von Hannover via
Frankfurt nach New York.
Sein und Haben
Beim Start verliere ich aus Rührung und Freude über diesen
Zustand eine Träne. Meine Aufregung lässt langsam nach.
Ich weiß jetzt, ich bin unterwegs. Dieses Mal geht die Reise
anders herum um die Welt. Mein Platz im Flugzeug gefällt mir:
Es ist die Sonnenseite.
Meine Nachbarin ist eine Deutsche mit Format. Sie passt knapp auf
ihren Platz. Beim Essen hatten wir beide aufgrund ihrer Körperfülle
mit ihrem ausgestellten Ellbogen zu kämpfen. Sie sieht so aus,
wie man sich ein Kaffeekränzchen vorstellt. Sie heißt Erna
und freut sich auf New York und ihre Kreuzfahrt »Indian Summer«.
Hier hoch über der Erde ist ein zeitloser Raum: nach der Zeit
und vor der Zeit. Genau dazwischen. Obwohl die Sonne scheint, ist
hier nicht Tag und nicht Nacht. Die Sonne scheint schließlich
immer. Wie alles ist auch dies nicht nur eine Frage des Standpunktes
und der eigenen Befindlichkeit.
Wie wohl New York ist? Und wie werde ich sein in New York? Ich werde
aus deutschen Augen schauen. Wer aber schaut aus meinen Augen?

03.10.2004
Brooklyn
109, Park Place – ein Apartment mit Garten: Hier wo nachmittags
die kleinen Kinder spielen, wohne ich jetzt. Die 7th Avenue von hier,
bis zur 8th Street, wo Martina wohnt, ist eine Einkaufsstrasse mit
vielen netten, kleinen Geschäften, Ginko-Alleebäumen und
wirkt heimelig, fast dörflich. Nach einem Tag ankommen, ausschlafen,
reden, spazieren gehen, mit Anton spielen und auspacken, wollte ich
endlich raus, mehr sehen, sehen wo ich war, ans Wasser und die Stadt
sehen. Ich bin einfach losgegangen – ohne Stadtplan im Vertrauen
auf meinen Orientierungssinn und darauf dass ich finde, wo ich hin
will.
Flatbush Avenue runter in Richtung Manhatten: Hier hört das Dorf
auf und sofort beginnt die Stadt. Neugierig und äußerst
gespannt auf das was ich finde, konnte ich mich nicht eines seltsamen
Gefühls erwehren: Hier in der Fremde alleine die große
Straße entlang zu spazieren am Samstagabend, wenn alle, die
hier unterwegs sind, das tun mit der Absicht zu feiern. Der dreistündige
Spaziergang führte mich durch die Atlantik Avenue vorbei an Kneipen,
Discos und Jazz Clubs zum East River, weiter zur Brooklyn Bridge und
schließlich wieder zurück.
Es war äußerst beeindruckend die Stadt durch die Hafenanlagen
hindurch leuchten zu sehen. Geheimnisvoll und viel versprechend: Manhatten.
Die nächtliche Schönheit war besonders schön zu sehen,
vor allem unverstellt und weniger finster von unterhalb der Brooklyn
Bridge aus.
Manhatten Financial District
Ich bin fast froh, dass ich so wenig über New York weiß
und alles ganz unvoreingenommen entdecken kann. Mein Ziel heute: Wall
Street. Ein entrückendes Gefühl zwischen all diesen Türmen.
Ein strahlender Spätsommertag, aber im Schatten der Türme
ist es kalt, denn die Straßen sind eng. Das erinnert mich an
die Täler in den Dolomiten. Auch dort findet die Sonne ihren
Weg vor allem auf die Spitzen. Freier ist der Blick am Fulton Fishmarket,
von wo aus man die ganze Pracht angenehm aus der Distanz betrachten
kann. Hier liegen ein paar alte Schiffe wie die Peking aus Hamburg,
ein Viermaster und ein genialer Anblick vor dieser Kulisse.
Anton
Martinas Sohn Anton ist ein pfiffiger, äußerst umtriebiger
kleiner Bursche. Heute, Sonntag ist Antons Geburtstag. Was für
ein Glück zwei Jahre alt zu werden. Und mein Glück mit diesen
fröhlichen kleinen und großen Menschen Geburtstagsparty
feiern zu dürfen.
05.10.2004
Vom Glück Probleme in New
York zu haben
Gewohnheiten machen das tägliche Leben vertraut. Die einfachen
Dinge werden schwierig, wenn sie fremd erscheinen. Die Organisation
des Alltags, kleine Handlungen, über die ich sonst keine Gedanken
verliere, werden hier zur Lernaufgabe. Den richtigen Dreh und vor
allem den richtigen Schlüssel finden für das Türschloss,
das klemmt. Den Wasserhahn richtig herum auf und zu drehen. Mit einem
öffentlichen Telefon telefonieren und die passenden Münzen
dabei haben. Das eigene Mobiltelefon in Gang bringen ohne ein Vermögen
zu bezahlen. Eine Sim-Karte kostet 50 $ für 60 Minuten telefonieren
und meine Batterie kann ich mit 110 Volt ohne Trafo nicht laden. Mit
dem eigenen Computer ans Netz gehen und den Adapter für US-Steckdosen
nicht vergessen. Den Eingang zur einer U-Bahn finden. Vor allem mit
der richtigen U-Bahn in die richtige Richtung fahren und an der richtigen
Station aussteigen. Verstehen lernen, was die Leute im ausgeprägtem
newyorker Slang oder anders akzentuierten amerikanisch zu mir sagen,
ohne nachfragen zu müssen.
Little Italy und China Town
Hier sind keine Hochhäuser und kaum Neubauten. Die Häuser
sind älter und weniger gut in Schuss. Charakteristisch sind die
Feuertreppen, die vor die Fassaden gehängt sind. Angenehm bunt
ist es hier: viele kleine Lokale italienischer und vor allem asiatischer
Natur und viele kleine schräge Läden mit allerlei Nippes.
In einer Seitengasse sind nur chinesische Friseurgeschäfte: eines
neben dem anderen und noch und noch eines. Die Canal Street steht
voller Buden, die in die (teilweise recht chinesischen) Häuser
integriert sind. Ein Hauch von Exotik weht in diesem Viertel über
die recht gewöhnlichen Massen, die sich hier durch schieben.
Mein Ziel: Mittagessen in der Mulberry Street in Wongs Rice and Noodle
Shoppe. Es ist besonders schön, den Ort, zu zudem man möchte,
einfach zu finden ohne ihn zu suchen. Hier gefällt es mir. An
der Strasse sitzen alte Leute, die chinesische Anhänger aus Jade
verkaufen, chinesische Motive auf T-Shirts malen oder aus der Hand
lesen. In einem kleinen Park ringen sich Männer (alle Asiaten)
um kleine Tische und spielen ein chinesisches Brettspiel.
06. 10.04
Arme
Ecke Park Place/7th Avenue vor der Baustelle lebt ein Mann auf der
Strasse. Er ist sicher jünger als ich, bärtig und vermutlich
indischer Abstammung. Gelegentlich ist er auch in Gesellschaft eines
Kumpels. Morgens wenn er sich von seiner Pappe erhoben hat, faltet
er sein blütenweißes Bettzeug zusammen und packt es in
seinen Einkaufswagen. Heute habe ich ihn nicht mehr gesehen.
Während der Fahrt öffnete sich in der U-Bahn die Verbindungstür
zum nächsten Wagen und herein kam ein kleiner Mann auf seinen
Händen. Zwischen den Beinen der Menschen war er kaum zu sehen.
Beine hatte er selbst keine mehr. Indem er sich so mit Rumpf und Händen
vorwärts bewegte, schlug er immer wieder eine Blechdose auf den
Boden, dass die Münzen nur so schepperten.
Greenwich Street, Tribeca: Mein Blick bleibt hängen an Plastiktaschen,
die neben einem laufenden Hydranten an der Strasse abgestellt sind.
Dann erst sehe ich auch den Mann, der mit weiß eingeschäumten
Gesicht vor dem Hydranten kniet auf der Strasse kniet, sich wäscht
und rasiert.
Auf der Bank in der U-Bahnstation neben mir sitzt eine junge Frau
mit roten fleckigen Jogginghosen und schwarzen chinesischen Pailletten-Pantoffeln.
Sie ist wirklich hübsch, aber ihr Kopf liegt nach hinten übergesackt
und die rosa Baseballmütze ist auf den Boden gefallen. Sie schläft
und sie stinkt. Zwei Officer kommen und schauen sie an. Einer von
den beiden stößt mit seinem Fuß gegen den ihren:
Sie soll abhauen, spätestens mit der nächsten U-Bahn. Dabei
zückt er einen Block und fängt an, darin zu blättern
und Notizen machen. Die U-Bahn kommt und sie verschwindet irgendwohin.
Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind schwarz.
United Nations
Die Fahnenmasten der Vereinten Nationen, die entlang des Zaunes nach
dem Alphabet von Afghanistan bis Zimbabwe aufgereiht sind, sind leer:
„under construction“ – Renovierungsmaßnahmen.
Merkwürdig. Es ist ein schönes Gelände mit sonniger
Terrasse am East River und einem äußerst interessanten
mehrteiligen Gebäudekomplex von Le Corbusier. Die Führung
durch das Gebäude offenbart interessante Details und Information
zur Geschichte und der Arbeit in General Assembly, Security Council
Chamber und Economic and Social Council Chamber. Nur schade, daß
die vermittelnde und Frieden liebende Arbeit der Kommissionen hier
nicht mehr Gewicht hat, als eine Empfehlung zu sein.
Im Eingangsbereich neben der schönen Empore zu sehen ist auch
eine Ausstellung über die 100-jährige Geschichte der russischen
Nachrichtenagentur ITAR TASS: Bilder aus dem russischen Alltag von
der Jahrhundertwende an. Die Demontage der Standbilder des Zaren durch
die Bolschewiken, ein Aufmarsch der Sportlerinnen auf dem roten Platz
in Moskau, eine russische Kinderärztin bei der Arbeit unter Altai-Frauen,
das Lenin-Mausoleum, russische Soldaten, russische Politiker, die
vier Siegermächte, Treffen des russischen mit dem amerikanischen
Militär, russische Raketen und Astronauten (vor allem Gagarin),
ein seltsames Gefährt auf dem Mond usw. Fotos von russischen
„Arbeitslagern“ fehlen. In der Foto-Dokumentation der
russischen Geschichte kommen natürlich auch die Deutschen vor.
Darunter die Belagerung von Leningrad, am Hungertod gestorbene Kinder,
der 1. und der 2. Weltkrieg und die Fotos von der Befreiung der Konzentrationslager.
Mir wird fast schlecht. Immer wieder macht mich die deutsche Geschichte
extrem befangen. Wir werden diese Schuld nie los werden, denn auch
wir Nachgeborenen sind Deutsche.
Vize Presidential Debate
Es ist das eineinhalbstündige Fernsehduell zwischen dem Vizepräsident
Dick Cheney und Senator John Edwards. Die Themen unterscheiden sich
wenig von solchen in Deutschland zur Zeit des Wahlkampf. Der 11. September,
der Irak-Krieg, die Lügen, Arbeitslosigkeit und das Gesundheitssystem.
Während Dick Cheney mit seinem asymetrisch verzogenen Gesicht
mehr in den Tisch starrt, als in die Kamera zu schauen, um seine Statements
von sich zu geben oder teilweise gar nicht zu antworten, wirkt der
andere, Senator Edwards, attraktiv, frisch, offen und relaxt. Sein
Lieblingswort scheint distortion „Verdrehung (der Wahrheit)“zu
sein. Ich bedaure die Präsidenten-Debatte vor einer Woche nicht
gesehen zu haben. Wenn ich die Wahl hätte, sie würde mir
nicht schwer fallen.
08.10.04
Alltag
Manchmal fühle ich mich hier so verloren. Diese Stadt ist riesig.
Diese Stadt ist ein Moloch. Und diese Stadt stinkt bisweilen. Nun
bin ich eine Woche hier und diese Stadt beginnt mir richtig zu gefallen.
Ich kann hier keine Hektik in der Stadt finden; aber das mag auch
an mir liegen. Nicht auf der Strasse, nicht in der U-Bahn, nicht im
Bus und nicht am Hudson. Ich bin angekommen bei mir und in der Stadt.
Es ist wunderbar in den New Yorker Alltag einzutauchen: in die Gesichter,
die Gespräche und die Geschichten. Ich mache meine Fotos für
mein kleines Projekt und bin in Gedanken auch bei dem Großen.
Es wird nicht einfach sein einen guten Ort für „Framework“
zu finden, aber ich werde ihn finden.
Solomon R. Guggenheim Museum
Das Gebäude von Frank Lloyd Wright ist mehr Skulptur als Museum.
Schön. Leider ist die Hälfte der Ausstellungsräume
„under construction“ – im Umbau sozusagen. In der
Sammlung Thannhauser sind die Preziosen der europäischen Moderne
versammelt. Schön und trotzdem langweilig. Die Azteken-Ausstellung,
die hier demnächst zusehen sein wird, verspricht interessanter
zu werden. Ich kann das ganze alte Zeug einfach nicht mehr sehen.
Was davon gilt heute noch, ist noch relevant? Nur für die kleine
Zeichnung von Edvard Munch: Portrait Erick Pedersen, würde ich
wiederkommen. Daneben habe ich noch ein schönes Bild von Odilon
Redon gefunden: Blumen und Profil; ein schönes Venedigbild von
Claude Monet: Palazzo Ducale, ein interessantes Bild von Mondrian:
Stillleben mit Ingwerdose, das sein Geheimnis zeigt, aber nicht offenbart
und ein schönes Mädchen mit Erdbeerhaube von Jawlensky:
Helene mit buntem Turban. Den Rest kann man so ziemlich vergessen.
Es gibt noch ein paar schöne Modiglianis. Auch die Kandinskys
sehen im Original besser aus als die Replikationen davon, trotzdem
erinnern sie mich an Teppiche. Die Skizzen sind locker und noch besser
als die Bilder. Hier fängt man an zu verstehen, woher sich seine
Abstraktionen ableiten: aus der Gleichzeitigkeit und Gleichgültigkeit
verschiedener Momente. Auch seine frühen gegenständlichen
Bilder haben Seele. Picasso mochte ich noch nie und Van Gogh ist sicher
ein bedeutender Maler, aber ich finde man sieht seinen Bildern nicht
nur seine Genialität an, sondern eben auch seine Verrücktheit...
Angenommen Künstler suchen so etwas wie Wahrheit: Was ist dann
Wahrheit und wo ist sie geblieben? Sie alle hier sind Kinder ihrer
Zeit. Ich möchte Kind aller Zeiten sein.
Die Sammlung Buhl, die auch zur ständigen Ausstellung des Guggenheim
gehört ist eine Fotosammlung mit ganz prominenten, zeitgenössischen
Positionen. Mich beeindruckt immer wieder die Intensität der
Akt-Fotografien von Rineke Dijkstra: Eine so eben entbundene Mutter
mit ihrem Neugeborenen im Arm – leise zieht sich die rote Spur
der Zeit von der Scham bis auf den Boden.
10.10.04
Second Presidential Debate
Verpasst! Die Debatte ist Thema und die Diskussion darüber mitzuverfolgen
ist auch interessant. Der allgemeine Konsens ist, dass beide besser
waren als bei der ersten Debatte und Bush die bessere Performance
hingelegt hat. Einzelne fanden Kerry besser. Inhaltlich und argumentativ
lag die Sympathie hier mehr bei Kerry. Aber wesentlich ist für
die Amerikaner, wer sich besser geschlagen hat und nicht wer die besseren
Argumente hat. Schade eigentlich. Wo ist mein Cowboy-Hut?
Isamu Noguchi Museum und Socrates Park
Hinter hohen Mauern versteckt liegt eine kleine Oase der Stille und
der Kontemplation in Queens am East River, einem teilweise noch industriell
genutzten Teil des Stadtviertels. Viele der Steinskulpturen im Museum
und im Garten sprechen deutlich aus dem Geist und dem ästhetischen
Verständnis ihrer Zeit. Ein stehender Stein, fast ein Dolmen
und vor allem ein Brunnen haben eine Atem raubende Schlichtheit und
Präsenz. Sie haben etwas wesenhaftes; wie überhaupt der
ganze Platz hier.
Der Socrates Park liegt quasi gegenüber am Wasser gelegen und
beherbergt verschiedene große Plastiken und Installationen junger
Künstler, die mir jedoch nicht bekannt sind. Ein Paar sitzt auf
einem Plastik-Felsen, der sich mit den Sternen und dem Schriftzug
darüber als Paramount Picture zu erkennen gibt. Dahinter erhebt
sich die Kulisse von Upper Manhatten vor dem Ost Fluss, der eigentlich
kein Fluss sondern ein Meeresarm ist. Das Paar gehört nicht zur
Installation, passt aber gut dazu.
Busfahren
Vor einer Autowerkstatt stehe ich und warte auf den Bus. Die kleinwüchsigen
Männer in der Werkstatt haben eine südlichen Teint, und
sie alle sprechen spanisch. Manchmal scheint mir, die Hälfte
der Stadt spricht spanisch. Busfahren kann ganz nett sein. Dieser
fährt in Richtung Astoria irgendwie durch Queens: Ich steige
ein. Anders als in der U-Bahn, die einen für Stunden verschluckt
und irgendwo wieder ausspuckt, sieht man hier, was draußen so
passiert. Ein kleines Geschäft neben dem anderen. Schilder in
den verschiedensten Sprachen, griechische Fahnen. Die Häuser
sind noch niedriger.
Empire State Building
Täglich besuchen 12 bis 14 tausend Besucher dieses Gebäude.
Atem raubend ist hier nicht nur das Anstehen mit einigen anderen Hundert
zusammen in den engen und niedrigen Fluren im 2. Stock des Gebäudes,
sondern erst die Aussicht von der Plattform aus. Unglaublich. Fantastisch.
Man sieht wie riesig der Central Park ist. Das Wasser, das die Stadt
umgibt! Die Brücken. Die Hochhauskomplexe in Lower und Upper
Manhatten. New Jersey. Das Bild in meinem Kopf fügt sich zusammen.
Schwarze Polizisten schwer bewaffnet.
Rikrit Tiravanja
Eine viertägige Veranstaltung von Rikrit Tiravanja vom Guggenheim
Museum in einer Halle Hudson/ Spring St. Einige Leute sind begeistert
von diesem Event und den Veranstaltungen hier. Samstag Abend spielen
verschiedene Bands. Über verschiedene Fernseher und Wände
flimmern Filme. Die Musik ist im wesentlichen Krach und die Leute
sind sehr cool. Es gibt Drinks (Wasser) und es gab auch Sandwiches.
Ich finde alles sehr fragwürdig.
12.10.04
Einsichten und Aussichten
Viele der öffentlichen Gebäude haben hier eine Sicherheitskontrolle,
Sicherheitsbeamte und Taschen-Röngtengeräte. Ich muss jedes
mal den Gürtel abnehmen – Strasssteinchen und Nieten lösen
Alarm aus. Die Architektur wird den Sicherheitsbedingungen angepasst.
Die Uno hat ihren Sicherheitscheckpoint in einem weißen Zelt
untergebracht, das dem Gebäude vorgelagert ist. Sicherheitsfenster,
Sicherheitstüren, Sicherheitsglas. Die Suche nach der richtigen
Aussicht für meine Arbeit zeigt sich schwierig. So viel Sicherheit
lässt meine Arbeit auch nicht zu.
Mein Programm heute ist die Besichtigung verschiedener öffentlicher
Gebäude in Brooklyn, die für meine Arbeit in Frage kommen:
der Prospect Park YMCA/Community House in der 9th Street und die Brooklyn
Library Ecke 6 Ave und 9th Street. Auch im YMCA ist alles sehr sicher.
Ich frage den Pförtner, ob ich das Gebäude besichtigen kann
und werde durch zwei Sicherheitstüren in ein Büro geschickt,
in dem ich ein Formular mit meiner Adresse und meinen Interessen ausfülle.
Ein junger Schwarzer öffnet mir eine Sicherheitstür und
führt mich durch das Gebäude. Schwimmhalle, Sauna, Umkleiden,
Handtuch-Service, Aerobicraum, Stretchraum, Fitness-Center, Kraftraum,
Laufbahn, Basketball-Halle, Büros, Klassen- und Computerraum.
Das ganze Angebot der Kurse und alle Räume erklärt er, allerdings
in einem ziemlichen Slang. Ich muss immer wieder seine dicken Lippen
anschauen, nicht nur um ihn besser zu verstehen.
In der Basketball-Halle treffe ich auf eine eigenartige Szenerie:
Unter dem Korb stehen zwei Leute und schauen hinauf. Der eine ist
schwarz und trägt den Ball, der andere ist blass und trägt
einen Fahrradhelm. Für einen kurzen Augenblick ist meine Aufmerksamkeit
abgelenkt von den dicken Lippen und was sie zu den Basketball-Kurszeiten
sagen. Schon hat sich die Szenerie verändert, ist wie eingefroren.
Der Helmträger liegt steif wie ein Brett auf dem Boden, der lange
schwarze Ballträger schaut auf ihn hinunter und für Minuten
passiert nichts. Was ist hier los? Der Helmträger rührt
sich nicht. Seine Hände sind nach innen gedreht, offenbar im
Krampf und sein aufgedunsenes Gesicht ist rot. Der Ballträger
grinst. Schließlich greift er hinunter auf die Schulter des
Helmträgers, damit dieser aufsteht. Tonlos und umständlich
richtet sich dieser auf. Er hat einen ordentlichen Buckel. Sein Gesicht
ist immer noch rot und der hervorquellende Blick ist starr. Dann geht
er mit dem Ballträger weg: Er geht tapsig. Der sieht nicht gut
aus, sage ich und frage, ob der Epileptiker sei. Schulterzucken. Die
Lippen sagen, das sei so eine Art Krankheit und das Helm und Ball
tragen eine Therapie. Unbrauchbar sind auch die Fenster im YMCA –
für meine Arbeit.
Die Brooklyn Library dagegen ist ein altes T-förmiges Gebäude
mit schönen alten Kaminen und umfasst einen relativ kleinen Bestand
an Büchern. Die meisten Fenster sind sehr hoch, verleiten aber
nicht zur Ausschau. Auf der Empore oben links gibt es kleine Fenster,
unglaublich schmutzige Fenster mit Fliegengittern davor. Die wären
eine Option, vielleicht nicht die beste.
Bötchenfahrt
Ich kann immer noch nicht richtig U-bahn fahren. Mit ach und krach
erreiche ich die letzte Rundum-Tour (Full Island Cruise) der Circle-Line.
Julia sagt dazu Bötchenfahrt. Ich bin der letzte Gast, der an
Bord geht. Sehr angenehm und einfach schön sich durch die Sonne
und die Gegend schippern zu lassen. Dabei erfährt man auch noch
Wissenswertes über die Stadt und ihre Geschichte. Ellis Island,
Freiheitsstatue, und natürlich Manhatten, Manhatten, Manhatten...
Am teuersten wohnt man in der Fifth Avenue am Central Park. Da kostet
ein Apartment dann ein paar Millionen Miete im Jahr. Interessant zu
sehen auch die weniger ansprechenden Wohnviertel in Harlem und der
Bronx. So lebt man hier auch.
13.10.04
Botanischer Garten Brooklyn
Auch in diesem schönen alten Garten wird es Herbst. Die Herbstzeitlosen
sind bereits am verblühen. Noch wärmt die Sonne und duften
die Rosen. Julia und ich genießen den Tag.
Brighton Beach
Viele kleine Geschäfte und Stände auf der Strasse: Hier
spricht und schreibt man russisch. Für einen Dollar gibt es fettiges
Schmalzgebäck zu kaufen gefüllt mit Weißkraut oder
Fleisch. Schmeckt gut. Eine Frau deutet auf ihren Arm und will die
Zeit wissen. Ich zeige ihr meine leeren Arme. Sie schüttelt fragend
den Kopf – „niet?“ Ansonsten: Strand, Wasser, Meer
in der warmen Oktober-Sonne...
Die Steinhof Geschichte
Neulich Abends gehe ich in Brooklyn die 7.th Avenue hinunter und bin
verärgert, weil das Computer-Cafe schon zu hat. Vermutlich schaue
ich grimmig. Vor einer Wirtschaft spricht mich eine Frau an, die dort
steht und raucht: „Schau ned so angfressn!“. Ich denke
erst, ich habe mich verhört und sage nichts. Aber heute musste
ich feststellen, dass die Wirtschaft Steinhof heißt und dass
hier Gösser ausgeschenkt wird. Jetzt hätte ich gern „Bist
du deppert?!“ gesagt oder ähnliches, aber die Frau steht
natürlich nicht mehr da.
Third Presidential Debate
Satt, müde und „bildungshungrig“ sitzen Martina,
Joel, Angel und ich von neun Uhr abends an vor der Glotze und schauen
dem Präsidenten, dem Präsidentschaftskandidaten und ihrem
Moderator bei der Arbeit zu. In dieser kleinen Runde ist der Moderator
am sympathischsten und von allen Moderatoren in dieser Reihe stellt
er die besten Fragen. Und die armen Amerikaner haben die Wahl. Bush
wirkt aufgeregt und irgendwie senil. Er bekommt keinen einzigen ganzen
Satz ohne Zögern raus. Seine kleinen Knopfaugen glitzern wie
verrückt und scheinen am laufenden Band „Papa, am I doing
well?“ zu fragen. Kerry wirkt auf mich eher steif und zurückhaltend.
So wie er sich gibt, scheint er nicht an seinen eigenen Erfolg zu
glauben. Dieses ganze „Debattieren“ und auch die anschließende
Analyse durch Journalisten scheint mir eine reine Meinungsmache. Bush
war hinterher immer der Bessere. Fragwürdig, fragwürdig.
14.10.04
Was ein Fenster ist
Es geht um das Hinausschauen. Aus dem Fenster hinaus. Was ist ein
Fenster? Die Frage, die mich hier immer wieder beschäftigt. Welches
Fenster an welchem Ort wird es sein? Sind die vorhandenen Fenster
geeignet? Hier gibt es vorwiegend Thermopenn-Fenster in Metallrahmen
mit einem Fliegengitter. Fenster ab einer bestimmten Größe
sind in Plexiglas nicht zufrieden stellend zu bewältigen. Glasanfertigungen
würden ein Vermögen kosten. Der Sicherheitsfaktor, der hier
in den USA eine wesentliche und entscheidende Rolle spielt, lässt
viele Fenster von vornherein ausscheiden. Dazu kommt die extreme Kälte
im Winter.
Die Fenster in den Glashäusern im Botanischen Garten wären
eine Option gewesen, wenn man hier durch die Fenster hinausschauen
würde. Aber man schaut hinein und vor allem schaut man auf die
Pflanzen. Die Ladenfenster des Shops Ecke Spring/ Hudson St in Manhattan,
in dem ich neulich einen Schokoriegel erstand, hat mir Angel gezeigt.
Sie sind interessant, aber zu groß. Einzig die Ladentür
wäre hier eine Option.
Columbia University
Das Gelände und die Bauten dieser schönen Wissensanstalt
bilden einen geschlossenen Campus und wirken mächtig beeindruckend.
Eine Erinnerung an die alten geschlossenen Krankenhauskomplexe kommt
mir. Karla hat mich eingeladen zur Zwischenpräsentation ihrer
Studenten (3. Semester Architektur) zu kommen. Sehr interessant. Die
Studenten arbeiten hier ganz schön hart.
17.10.04
d.u.m.b.o. Art Under the Bridge Festival
Ein ganzes Viertel für Künstler und Spekulanten in Brooklyn:
Aus den verschiedenen Gebäuden eröffnet sich ein fantastischer
Blick zum Teil über Baustellen, über den East River, beide
Brücken bis nach Manhattan. Es ist das Wochenende der offenen
Ateliers. Fast in jedem Haus sind Ateliers und Künstler aller
Gattungen zu finden. In Anbetracht der vermutlich nicht ganz billigen
Mieten muss man davon ausgehen, dass sie ganz gut im Geschäft
sind. Es gibt einige wenige interessante Positionen unter viel mittelmäßigem
Zeug, das aber sehr zeitgenössisch daher kommt.
"Southern Black Delicacies"
Eine wunderbare Dinner- und Tanzparty bei Andrea in Harlem. Ich bin
eingeladen – sehr schön. Endlich wieder ausgehen. Viele
fröhliche Menschen aller Nationen und Farben sind hier: Angloamerikaner,
Afroamerikaner, chinesische Amerikaner, Österreicher, Chilenen,
eine Französin und ich. Von den vielen Namen kann ich mir die
afrikanischen am wenigsten merken. Andreas Freund Shenoa ist samtig
schwarz und hat ein interessantes waches Gesicht. Ich freue mich Andrea
wieder zu sehen. Sie ist wie sie ist: Andrea mit weißen Turnschuhen,
schönen roten Fingernägeln, schwarzen Netzstrümpfen,
weißem Minirock, einem zeitlich undefinierbaren hellblauen Oberteil
und einer weißen Strickmütze mit Schirm. Steve ist Fotograf
und vertreibt sich die Zeit damit, zusammen mit seiner Freundin relaxte
digitale Fotos vom fröhlichen Partytreiben zu schießen.
Aurelie – eine blonde Schöne mit einem sehr breiten Mund
und sehr breitem Lachen hat keinen französischen Akzent mehr
und einen Sohn, den sie in Marseille aufziehen möchte. Ein Wiener
DJ, ein netter Matthias, der mir nicht näher bekannt ist, trägt
einen Polizisten-Schnurrbart und ein Sweatshirt mit dem Aufdruck:
Norwegisches Jazzfestival. Sein Freund vom Österreichischen Rundfunk
hat Geburtstag und versteht die Chilenen nicht, die lieber in der
Küche stehen, reden, trinken und lachen als auf seine Musikauflagen
zu tanzen. Die Musik ist genial gut. Auf den zwei Plattenspielern
hier wird nur Vinyl gespielt – abwechselnd von vier DJ’s.
Super sexy und mit einem sehr direkten dunklen Blick aus halb geschlossenen
Augen tanzt für mich ein schöner Schwarzer mit schwer zu
merkenden Namen.
18.10.04
Menschen und was sie erzählen
Ein Mann der vor mir in der U-Bahn steht, predigt auf meine beiden
Nachbarn ein. Sie sind schwul. Er redet über die Liebe und was
am wichtigsten in einer Beziehung ist. Ob ihnen die Bedeutung von
Intimität bewusst wäre. Dass „intimacy“ gleich
bedeutend ist mit „into me see“. Und dass der wichtigste
Freund der kleine Junge im Herzen des Partners sei.
Am Nebentisch im Café Noir sitzen zwei Männer und besprechen
geschäftliches: ein Architekt und ein Wirt. Der Wirt sieht deutlich
französisch aus und artikuliert das auch. Neben einem Fass Rotwein
und einem muffeligen Camembert würde er den perfekten Patron
abgeben. Er trinkt aber Bier. Die beiden planen ein neues französisches
Lokal in Soho. Der Wirt spricht ein recht französisches Amerikanisch
und der Architekt ist nach seinem leichten Akzent zu schließen
auch ursprünglich Franzose. Offenbar kann er kein französisch
mehr. Sämtliche Versuche des Wirts französisch zu kommunizieren
scheitern.
Ein Fenster finden
Ich bin am westlichen Ende der Canal Street unterwegs auf der Suche
nach einem Plexiglas Shop. Diesen Teil der Strasse kenne ich noch
nicht. Nachdem ich erstanden habe, was ich brauche, finden sich noch
mehrere andere Plastic Shops und natürlich Shops mit Taschen,
Glitzerkram, Uhren und jedweder Nippes. Mein touristischer Blick auf
die Stadt hat sich nach zwei Wochen glücklicherweise verflüchtigt
und ich kann wieder normal schauen. Alles was fremd ist, scheint schön
und exotisch, aber zu dem ersten Anblick gehört eben auch ein
gewisses Erstaunen oder Erschrecken. Der Schreck ist jetzt weg.
Auf der gegenüber liegenden Straßenseite fällt mir
ein Gebäude auf. Es ist interessant, weniger hoch als die Anderen,
rosa gestrichen und offensichtlich aus einer anderen Zeit: aus den
30iger Jahren. Auch von innen gefällt mir dieses Gebäude
und vor allem seine Fenster. Es ist ein Postamt. Diese Fenster eignen
sich gut für mein Projekt; auch der Blick auf die Strasse ist
schön. Nur über den Schaltern hängen großformatige
Gemälde, die mir nicht besonders gefallen. Aber das kann man
getrost ignorieren. Selbst diese Nachbarschaft täte meiner Arbeit
keinen Abbruch. Ich beschließe darüber nachzudenken und
wieder zu kommen. Bei meinem zweiten Besuch treffe ich zufällig
auf den richtigen Ansprechpartner und vereinbare mit ihm einen Termin.
19.10.04
Hells Kitchen
Die Häuserblöcke sind hier kleiner und enger, die vorwiegend
alten Häuser nach wie vor hoch, dazwischen Baustellen und Baulücken
und auch ein etwas lang gestrecktes Parkhaus. Hells Kitchen so heißt
dieses Viertel. Martina und ich treffen uns in der U-Bahnstation 42te
Strasse. Von dort gehen wir zurück in die 39te auf einen Atelierbesuch
zu Julia. Sie hat ein kleines helles Atelier im siebten Stock –
in der Etage für ISCP. Toll so ein PS1-Stipendium. Sie erzählt
von ihren Stadtspaziergängen, von ihren Pflanzensammlungen unterwegs
und ihre Bilder wachsen. Sie erzählt davon dass es hier in der
Bahnhofsgegend etwas rauer zugeht und dass sie dort abends nicht so
gern allein unterwegs ist. Sie erzählt auch von Einschusslöchern
in einem Haus in der Nähe, die sie noch gesehen hat und die jetzt
wegrenoviert sind. Es ist wirklich schön Julia besser kennen
zu lernen und den Entstehungsprozess ihrer Bilder mitverfolgen zu
können. Ihre Wohnung in Soho kenne ich ja schon; sie ist auch
sehr klein, aber nett .
Vom guten Gefühl
Nachmittags habe ich einen Termin mit John Yuen von der Post und dafür
sämtliche Unterlagen zu meiner Arbeit vorbereitet: Fotos, Konzept
und Lebenslauf. Ich kann nicht sagen warum, aber ich habe ein sehr
gutes Gefühl, dass das hier klappen wird. Mein anschließendes
Gespräch mit ihm verläuft sehr gut. Er will mir nicht zu
viel versprechen, aber ich merke auch, er will meine Arbeit dort haben.
Nur eins muss er vorher abklären, mit dem Denkmalschutz: ob das
auch geht. Er will mir Bescheid geben.
22.10.04
Geduld haben
Alles entwickelt sich langsamer als erwartet. Geduld ist angesagt.
Joel telefoniert mit dem Mann von der Post, weil er Leute beim Denkmalschutz
kennt und weiß worauf bei dieser Sache ankommt. Das ist eine
sehr gute Unterstützung. In einem weiteren Telefongespräch
mit ihm kann ich ebenfalls noch verschiedene Details klären und
hoffe nun bald zu erfahren, was seine Verhandlungen mit dem Denkmalschutz
ergeben.
Wortspiele
leben/lieben. Diese kleine Arbeit mache ich für Martina und Joel’s
Verbindungstüre zwischen Wohnzimmer und Küche. Von jeder
Seite wird jeweils ein Wort richtig und das andere spiegelverkehrt
zu lesen sein. Die gerade fertig gebohrten und genähten Plexiglas-Platten
werde ich demnächst in Türe einpassen. Fensterkitt wie in
Deutschland gibt es hier nicht mehr. Es gibt auch kaum noch alte Holzfenster
oder Türen. Aber es gibt Silikon und auch Acryl. Das ist das
Ergebnis verschiedener Besuche in Hardware Stores und einer Glaserei.
Chelsea
Chelsea am Abend ist dunkel, dunkler schon als New York bei Nacht.
Vereinzelt gibt es Straßenlaternen. Und es leuchten die Lichter
der Ampeln, Taxis und Galerieräume. In nur wenigen Strassen und
Blocks reihen sich Galerie an Galerie in alten Lagerhäusern oder
vereinzelt auch in schicken Neubauten. Hier ist ganz schön was
los. Auch die Kneipen sind sehr ansprechend. Die meisten Leute sind
zu Fuß oder im Taxi unterwegs. Ich muss eigentlich nur hinter
ihnen herlaufen und schon bin ich auf der nächsten Eröffnung.
Auf diese Weise brauche ich meinen Ausstellungs- und Veranstaltungsplan
fast gar nicht. Eine Eröffnung nach der andern mache ich. Die
Szene ist bunt bis mondän. Mein Outfit, abgestimmt auf den Werkstattbesuch
am Nachmittag, ist hier leider unpassend: Bluntstone Stiefel, Jeans
und Anorak. Wenn eine Frau hier nicht entsprechend gestylt auftritt,
fällt das ziemlich auf. Das nächste Mal werde ich mich natürlich
richtig aufbrezeln.
Die Malerei, die hier mehrheitlich gezeigt wird, ist bunt realistisch
bis fantastisch. In einer Galerie, 529 West 20nd Street 8.Stock, finde
ich eine Künstlerin, Monika Weiss, die sehr sensible, tiefsinnige
wie einfache Arbeiten zeigt. Diese Arbeiten sprengen das herkömmliche
Vorstellungsvermögen von Zeichnung. Sie versteht Zeichnung als
gestisch, raumgreifend, auch als Performance oder Video und arbeitet
auf Riesenformaten, die aus mehreren Bahnen Papier zusammengeklebt
sind. Ebenfalls in dieser Galerie sind Selbstportraits einer Kollegin:
grauenhafte Fotos. Eine Künstlerin ergießt sich darin ihre
Katze zu knutschen. Pervers. Bei Cheim & Read gab es eine Eröffnung
mit Louise Bourgeois. Massenhaft Leute. Sehr schick alle. Und sie
ist auch da. Ich muss sagen, dass ich über diese neuen Arbeiten
nicht lästern kann. Es gibt mehrere Serien kleiner abstrakter
Zeichnungen, die hervorragend sind. Die neuen plastischen Arbeiten
sind ebenfalls klein, vorwiegend aus Stoff und überzeugen durch
ihre Intimität wie Intensität.
25.10.04
Ein Samstagnachmittag
Nach meinen Besorgungen in Manhattan, treffe mich mittags mit Angel
in der Canal Street. Die Fenster in der Post haben wir uns heute genau
angesehen. Ich bin sehr froh darüber, dass er mir seine Hilfe
anbietet, die Fenster in der Post auszutauschen, wenn es so weit ist.
Es ist mir wegen diesem Sicherheitsbrimborium hier im Land etwas unangenehm,
das Fenster so detailliert zu untersuchen. Ich möchte nicht als
terrorverdächtig auffallen, aber keiner schert sich um uns und
was wir machen. Es sind nicht verschraubte, sondern vernietete Alufenster,
was das Auswechseln nicht ganz einfach macht.
Die hungrigen Bäuche füllen wir bei Nonya in Chinatown.
Das unaussprechliche malaysische Essen schmeckt sehr lecker und den
anschließenden Spaziergang machen wir im Central Park. Toller
Park. Er ist so groß, dass man ihn auf einmal gar nicht durchwandern
kann. Immer wieder eröffnen sich hier neue Landschaften. Ich
bin schon zum zweiten Mal da und entdecke ihn wieder neu. Picknicken
ist hier auch nett. Abends gehen wir noch ins Kino in der 86. Strasse:
The Motorcyle Diaries
Es ist die spanische Originalfassung mit englischen Untertiteln produziert
von Robert Redford. Der Film ist super. Südamerika in den 50er
Jahren: Zwei Burschen beschließen nach ihrem Studium eine Motorradtour
von Argentinien aus durch Patagonien, Chile, Peru und Ecuador zu machen.
Super schöne Landschaften flimmern über die Leinwand. Wunderbar!,
denke ich, ich werde spanisch besser lernen, denn da will ich auch
noch hin. Der Film dokumentiert ihre Erlebnisse und ihre Bekanntschaften
auf dieser Reise. Im Verlaufe des Filmes beginne ich auch zu verstehen,
was eigentlich von Anfang an klar ist: Der Mann mit dem Spitznamen
"Fuser" ist im richtigen Leben der junge Ernesto Che Guevarra
gewesen.
Ein sonntäglicher Familienausflug
Mit Martina Joel und Anton und zwei befreundeten Familien von ihnen
fahren wir nach Storm King Park. Auf der Fahrt dorthin muß ich
feststellen, dass ich die Zeit für meinen Besuch im State NY
gut gewählt habe. Es ist eine schöner Herbsttag und nicht
zu kalt. Die Laubwälder unterwegs leuchten bereits in den schönsten
Farben und auch in diesem größten Skulpturenpark, in dem
ich je war, sind die Färbungen der Bäume prächtig:
Von grün über gelb bis knallorange und karminrot finden
sich Blätter und Bäume aller Arten. Weitläufig erstreckt
sich das Gelände und hier und da stehen riesige Skulpturen von
vorwiegend amerikanischen Künstlern. Am besten gefällt mir
die weiträumig angelegte 4-teilige Skulptur von Richard Serra,
die aus wuchtigen 10 cm dicken Eisenplatten besteht, die in den Hang
hinein geschoben sind. Aus der Ferne sieht diese Arbeit ganz grazil
aus und wirkt auf mich wie eine zarte Festung für einen plastischen
Gedanken. Von Andy Goldsworthy gibt es eine lange Mauer die sich durch
den Park zieht und im Wald um die Bäume schlängelt. Zwei
weitere recht große wie interessante Arbeiten aus Beton und
Blech (ca. 5/6 Meter hoch) neueren Datums (2003) stehen auf einer
Wiese und stammen von einem Künstler namens Lundberg (oder so
ähnlich). Diese Plastiken gefallen mir ganz gut, weil sie gut
geformt sind, schön roh und ruppig dastehen und nicht die in
diesem Park vorwiegende 70er-Jahre-Skulpturen-Ästhetik haben.
Leider spinnt meine Kamera und ich kann von den schönen Herbstfarben
und plastischen Formen nichts fotografieren.
26.10.04
Post post Post
Nach meinen vergeblichen Versuchen am Montag (gestern) den Mann von
der Post zu erreichen, weil er anderswo auf einer Sitzung war, gelingt
es heute ihn dort zu treffen. Offenbar ist er erfreut mich zu sehen
und bekundet sein anhaltendes Interesse an meiner Arbeit. Wir besprechen
noch einmal alles wesentliche. Er selbst ist leider noch nicht tätig
geworden, will aber jetzt so schnell wie möglich mit den Leuten
vom Denkmalamt telefonieren. Die Zeit wird knapp und das ist auch
ihm bewusst.
The Metropolitan Museum of Art
Auf der Ostseite des Central Park liegt diese wunderbare Schatzkiste,
die unglaubliche Schätze beherbergt und die vielfältigen
künstlerischen Fertigkeiten und Kleinode der Menschheit über
alle Grenzen, alle Jahrhunderte und Erdteile hinweg bezeugt. Auch
der Blick vom Dachgarten des Museums ist absolut großartig:
Man sieht über den Park und die Kronen der Bäume auf die
Stadt. Immer wieder frage ich mich, was Menschen zum Sammeln anhält,
bewegt Schätze zu sammeln und anzuhäufen. Die Motive waren
über die Zeiten und Kulturen sicher nicht immer die gleichen.
Was dem einen im Jenseits helfen sollte und als Grabbeigabe mitgegeben
wurde, soll nun bereits den Lebenden helfen, um ihre Freude und ihr
Wissen zu vermehren. Wie schön, dass heute Museen diese Qualitäten
mit ihren Besuchern teilen.
Die außerordentliche Fülle an Exponaten und Sammlungen
wirkt auf mich faszinierend und gleichzeitig verwirrend – ganz
wie die Stadt selbst auch. Ich möchte gern so viel wie möglich
sehen. Am meisten begeistern mich immer wieder Formen, das plastisch
Geformte. Die verschiedenen Wege zu einer Abstraktion zu kommen faszinieren
mich. Es ist einfach fantastisch, welche Formen ein Helm, der Griff
eines Schwerts, eine Maske, ein Krug, Becher oder Topf haben kann.
Ganz gleich ob sie aus Europa, Persien, Afrika oder China stammen.
Bei den Bildern gehört meine Vorliebe natürlich den alten
Meistern. Ein Ehrfurcht einflössender Rembrandt hängt hier
und mein Lieblingsbild: Venus mit Amor dem Honigdieb von Lucas Cranach
d.Ä.
Ich finde auch ein ganz besonderes interessantes Bild von Giovanni
di Paolo: „Die Erschaffung der Welt und die Vertreibung aus
dem Paradies.“ Oben links zu sehen ein göttlicher Geist,
der dem ganzen Leben einhaucht. Darunter liegt unten links die Welt,
die noch aus Wasser und Erde besteht, eingefasst in grünblauen
konzentrischen Kreisen in deren Mitte. Sie wirkt als befinde sie sich
gerade im Stadium der ersten Zellteilung eines Ei. Rechts davon zu
sehen ist eine Szenerie (ohne Zaun und ohne Kreise!!!) vor exotischen
Bäumen und Vögeln, Blumen und Erdbeeren: der Engel schickt
das Paar nach rechts, d.h. aus dem Bild hinaus. Wenn man dieses Bild
der Lesrichtung entsprechend liest und von der herkömmlichen
Vorstellung des Paradies als umzäunten Garten ausgeht, kann man
diese Bildergeschichte auch so interpretieren: Der Mensch ist dem
Ei (Paradiesgarten) entsprungen, um frei zu sein bzw. frei zu werden.
27.10.04
Wie ich in New York bin
Die ersten Tagen in der Stadt sind in ihrer Wirkung auf mich so überwältigend
und ich komme mir hier so klein vor, dass ich mich nicht traue, einen
klaren Blick auf die Welt zu werfen. Ich könnte ja irgendwie
auffallen und am Ende als Tourist – wie unangenehm! In der U-Bahn
verstecke ich aus purer Scheu meine Nase in einem Buch und lese, um
nicht in die Verlegenheit zu kommen, Leute anschauen zu müssen.
Die Schwarzen sind mir zunächst fast ein bisschen unheimlich.
Ihre braunen Gesichter sind so dunkel und mir so fremd. Das hat sich
jetzt geändert. Ich fühle mich so wohl hier wie ein Fisch
im Wasser. Ich fürchte mich nicht mehr. Jetzt fühle ich
mich sicher in der Stadt und in der U-Bahn. Ich meine wirklich: was
gibt es zu fürchten?
Es ist interessant, was ein fremder Ort mit einem macht. Allein in
der Fremde unterwegs zu sein, ist sowieso speziell. New York ist eine
in jeder Hinsicht umwerfende Stadt. Die Stadt und das Leben hier erscheinen
mir hart. Manchmal wünsche ich mich zurück nach D. Ich halte
diese entsetzliche Einsamkeit einfach nicht mehr aus. So schlimm ist
das plötzlich und ich bin froh, dass ich bald fahre. Glücklicherweise
fallen manchmal Engel vom Himmel und direkt vor die eigenen Füße.
Die letzten Tage
Auf meine Weise beginne ich nun meine Arbeit hier und damit meinen
Aufenthalt abzuschließen. Ich verbringe viel Zeit damit meine
Notizen zu vervollständigen. Diese Dokumentation meiner Gedanken,
meines künstlerischen Projekts und damit meines Besuches hier
in der Stadt, ist viel wichtiger für das Projekt, als ich zunächst
dachte und ich verwende viel Zeit darauf zu schreiben. Als Reflektion
über meinen Alltag hier – wenngleich semitouristischer
Alltag – ist es sogar ein wesentlicher Bestandteil davon. Es
ist mir immer schon schwer gefallen, die Grenze zu ziehen zwischen
Kunst und Leben. In meinem eigenen Leben erscheint mir das ganz unmöglich:
Ich bin mit Leib und Seele Künstlerin. Das Schreiben ist eine
wichtige und neue Erfahrung, auch wenn ich mich nicht als Schriftsteller
betrachte. Es ist mir kostbar geworden, weil die bewusste Revision
wertvolle Erkenntnisse birgt und diese überhaupt erst hervorbringt.
Vielleicht bin ich so eine Art Alltags-Dokumentations-Künstlerin.
Verhandlungen
Der Alltag zeigt sich jetzt von einer recht anstrengenden Seite. Das
bedeutet warten auf positive Rückmeldung von John Yuen von der
Post. Weil von ihm nichts kommt, kein Anruf, kein Zeichen nichts,
rufe ich ihn also an und erfahre, dass er aktiv geworden ist. Er hat
mit den Leuten vom Denkmalamt Kontakt aufgenommen und verhandelt mit
der Rechtsabteilung. Ich frage gelegentlich nach, denn das Amts-Englisch
kommt mir bisweilen etwas spanisch vor. Offenbar soll ich eine Art
Bestätigung der technischen Veränderung bzw. rechtliche
Erklärung unterschreiben. Er wartet noch auf eine Rückmeldung
vom Denkmalamt, aber die nette junge Frau, mit der er gesprochen hat,
wie er sagt, lässt mit der Rückmeldung auf sich warten.
Alles scheint an diesem Dokument zu hängen. Die Realisierung
an sich wird von ihnen nicht in Frage gestellt. So wartet er und warte
ich und ich muss sagen, diese Warterei ist recht frustrierend. Auch
mit meiner 2. Nachfrage bei der Post am Nachmittag erreiche ich nichts:
keine bahnbrechenden Neuigkeiten. So folgt ein recht frustrierender
Abend, an dem ich mich mit Lustlosigkeit und Einsamkeit quäle.
Auch die schöne Mondfinsternis kann mich nicht beeindrucken oder
herausreißen. In meiner derzeitigen Stimmung betrachte ich dieses
himmlische Zeichen sogar noch als Bestätigung. Oh je.
28.10.04
Vom Stand der Dinge
Ich versuche immer wieder Herrn Yuen zu erreichen, um zu hören,
was inzwischen beim Denkmalamt erreicht hat, aber die Damen von der
Post sind zu beschäftigt, um das Telefon abzunehmen. Also fahre
ich los, denn vielleicht ist es einfacher, ihn dort persönlich
zu erreichen. Genau gegenüber der Post in der Canal Street sind
auch die Plexiglashändler. Meine Überlegungen wie ich angesichts
der ablaufenden Zeit mit dieser schwierigen Situation umgehen soll,
münden schließlich in einer Entscheidung: Ich werde die
Scheibe fertig bearbeiten, damit ich sie bei einem positiven Bescheid
sofort einbauen kann. Auch Herr Yuen zeigt sich überzeugt von
der Richtigkeit dieses Entschlusses, denn wieder weiß er nicht
mehr zu berichten, als das was wir schon wissen. So besprechen wir
detailliert, wie die Scheibe auszutauschen ist, wer das macht und
wer dafür zuständig ist im Fall, dass die Entscheidung erst
nach meiner Abreise fällt. Dann müsse ich einen Agenten
finden, der in meinem Sinne die weiteren Geschäfte und Arbeiten
erledigt. Wie gut zu wissen, dass meine Freunde hier hinter diesem
Projekt stehen und mithelfen: ein Segen! Im Beisein des Hauswartes
vermesse ich noch einmal genau die Scheibe und lasse mir diese gleich
anschließend im Geschäft gegenüber zuschneiden.
Einkaufen in New York
Einkaufen in NYC ist ein Erlebnis, ob im Kiosk um die Ecke, ob im
Supermarkt, im Fachgeschäft oder in einem Einkaufszentrum. Ein
berauschender Anblick an Überfluss an Waren blickt einem da strahlend
entgegen. Obst und Gemüse sind glanzvoll aufgehäuft. Die
Waren scheinen nie weniger zu werden; auch die vielfältigen Packungen
in den Regalen nicht. B&H beispielsweise ist ein unglaubliches
Fotofachgeschäft. Es gibt vermutlich nichts, was es hier nicht
gibt. In der Fülle der Angebote erhält man Hilfe von ausgesprochen
zuvorkommendem Personal mit Schläfenlocken und Kipa. Hier kann
ich endlich erstehen, was ich für die Bearbeitung meiner NY-Dias
brauche.
Es gibt alles und das im Überfluss und nur für den, der
sich’s leisten kann. Wie viele es hier gibt, die genau das nicht
können! Sie sind es, die ihre Einkaufswagen von Haus zu Haus
schieben, um aus den Mülltonnen die Pfandflaschen zu ziehen.
Mit dieser Arbeit unterhalten die armen Menschen ihr karges Leben.
Sie mögen einen nicht anschauen und verbergen ihren Blick aus
Scham in der Mülltonne. Auch die Passanten schauen weg, was das
Problem nicht unsichtbar macht.
Lower Eastside
Ein nettes Viertel – hier gefällt es mir. Ich kann mir
sogar vorstellen hier zu wohnen. Keine Wolkenkratzer sondern kleine
Feuertreppen-Häuser in kleineren Strassen mit netten, schrägen
und auch schicken Kneipen wie Geschäften. Ähnlich
wie in Williamsburg aber wesentlich etablierter. Es ist bunter hier,
einfacher und künstlerischer zugleich. Ja, man kann hier gut
ausgehen und ich genieße es sehr mal abends unterwegs zu sein
und nicht allein. Angel meint, die Leute wären hier mehr down-to-the-earth,
etwas alternativer und kreativer eben. Wir laufen ein bisschen herum
und entscheiden uns schließlich für ein südamerikanisches
Lokal: Paladar. Super. Das Essen ist hervorragend: mexikanisch angehaucht,
aber weit jenseits von irgendwelchen Taco-Geschichten. Anschließend
treffen wir Rolf und Julia in der Mercury Lounge. Das ist wie Rolf
sagt, ein legendärer Club und Mike Watts vermutlich einer der
besten Bassisten weltweit. Kommt angeblich aus L.A. aus dem Umfeld
von Mike Kelly. Dieses Hörerlebnis ist interessant und spannend,
eine absolut überraschende fantasievolle und hoch konzentrierte
Musik – Hardrock würde ich sagen, aber sehr jazzig verstanden.
Manchmal muss man direkt lachen über diesen ganz unabhängig
verstandenen Mix verschiedener musikalischer Traditionen. Klasse und
ein bisschen zu laut für meine alten Ohren.
29.10.04
Ein Ort und ein Wort
Es wird das hinterste Fenster in der Schalterhalle der Post in der
Canal Street werden, wenn man reinkommt ganz rechts, dort wo der große
blaue Frankier-Automat steht und die Fensterbank zu einer Art Pult
für Formulare mutiert ist. Der Blick hinaus geht hier über
die Strasse hinüber und in eine andere Strasse hinein, die in
die Tiefe SoHo’s führt.
„meaning“
Das wird das Wort sein: meaning = Sinn, Bedeutung; bedeutsam. Ich
finde es gut, dieses Wort hier in den Raum zu stellen. Es ist eine
bedeutsame Frage und es ist auch eine bedeutsame Antwort für
den, der sie findet. Das große, wenn nicht größte
„Suchwort“ ist mein Beitrag für New York.
Dank der Kooperationsbereitschaft von SRT Architects ist das möglich.
In diesem Büro und der Werkstatt, die dazu gehört, kann
ich meine Arbeiten erledigen und die Scheibe für das Fenster
fertig bearbeiten. John Yuen hat bis heute nichts weiter in Erfahrung
bringen können und so vertagt sich der Einbau der Scheibe in
das Fenster auf einen Zeitpunkt nach meiner Abreise. Joel wird dann
die laufenden Verhandlungen übernehmen und Angel, mein persönlicher
Engel für New York, wird die Scheibe im Postamt einbauen. Das
macht mich unwahrscheinlich froh, auch wenn ich das fertige Ergebnis
in der Post jetzt leider nicht mehr selbst erleben werde. Ich bin
so dankbar.
30.10.04
Großer Vogel flieg
Großer Vogel flieg mit mir! Es geht weiter und die Sonne ist
wieder auf meiner Seite. Ich verlasse New York. Mit United geht’s
erst nach Los Angeles und dann weiter Richtung Sydney via Rarotonga
und Auckland . „Über den Wolken scheint die Freiheit grenzenlos
zu sein,“ erinnere ich mich, anders als auf der Erde. Aber ich
sehe keinen Unterschied: Frei ist frei! Grenzen existieren nur im
Kopf – dank unseres begrenzten Verstandes. Es gibt keine Grenzen.
Also gibt es keine Grenzen zu Gott (oder was man eben unter Gott verstehen
mag).
Ach. All diese Gefühle in mir – ich fass’ es nicht.
Und diese Trauer zu gehen!? Ich bin so traurig. Ich war mir nicht
bewusst darüber, dass ich diese Stadt und diese Menschen hier
liebe. Meine Zeit hier schien mir manchmal so schwer, dass ich es
kaum aushalten konnte. Ist es weil ich meine Sprache verlassen habe?
Ist das ein Test? Vielleicht gibt es nur eine Sprache? Vielleicht
ist der Turmbau zu Babel nur eine Metapher. Mir schwant etwas.
Immer wieder muss ich daran denken, was Irina Tweedy von Guruji, ihrem
Sufi-Lehrer, erzählt. Er hat ihr eine Frage gestellt, ob es ihr
in Indien gefällt oder so ähnlich und sie hat geantwortet.
„Oh, ich liebe Indien, ich liebe diese Sonnenuntergänge
hier… und ich liebe England und ich liebe das… und das…
und das…“ Seine Antwort darauf war: „Dein Herz ist
wie ein Hotel!“ Sie war sehr getroffen und hat es zu jener Zeit
nicht verstanden, wie sie erzählt und dann sagt sie: „Es
gibt nur Einen.“
Wenn ich diesen Gedanken in mein Herz nehme, kommen mir die Tränen.
Das stimmt einfach. Weil das so ist, kann es auch nur eine Sprache
geben. Das ist so absurd und wahr zugleich: die Sprache des Herzens.
Sie klingt nur verschieden, ist aber klar. Jeder kann sie verstehen.
Ich vermute, dass diese Trauer zu gehen und dieses dem Ort und den
Menschen Verhaftet-Sein, mit dem Thema Gehen / Verlassen / Streben
zusammenhängt. Ich bin nur Gast in 109, Parc Place, Brooklyn,
New York, USA, auf der Erde und in meinem Körper. Ich bin auch
nur Gast in der Zeit; aber diesen Gedanken kann ich selbst noch nicht
ganz verstehen.
Woher ich all diese Weisheiten nehme? Ich weiß es auch nicht.
Betrachten wir sie als geschenkt. Diese Gedanken gehören mir
nicht; das weiß ich. |
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New
York City
leben lieben 2004, Plexiglas, Dekofaden |
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| „Die
Erschaffung der Welt und die Vertreibung aus dem Paradies.“,
Giovanni di Paolo |
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