FRAMEWORK : REISENOTIZEN

New York City

01.10.2004

Am Anfang war das Wort

Die Planungsphase liegt hinter mir. Das Projekt, das sich bis jetzt in meinem Kopf und in Deutschland bewegt hat, kommt in die Welt: Die Taschen sind gepackt und um 11:50 Uhr fliege ich von Hannover via Frankfurt nach New York.

Sein und Haben

Beim Start verliere ich aus Rührung und Freude über diesen Zustand eine Träne. Meine Aufregung lässt langsam nach. Ich weiß jetzt, ich bin unterwegs. Dieses Mal geht die Reise anders herum um die Welt. Mein Platz im Flugzeug gefällt mir: Es ist die Sonnenseite.

Meine Nachbarin ist eine Deutsche mit Format. Sie passt knapp auf ihren Platz. Beim Essen hatten wir beide aufgrund ihrer Körperfülle mit ihrem ausgestellten Ellbogen zu kämpfen. Sie sieht so aus, wie man sich ein Kaffeekränzchen vorstellt. Sie heißt Erna und freut sich auf New York und ihre Kreuzfahrt »Indian Summer«.

Hier hoch über der Erde ist ein zeitloser Raum: nach der Zeit und vor der Zeit. Genau dazwischen. Obwohl die Sonne scheint, ist hier nicht Tag und nicht Nacht. Die Sonne scheint schließlich immer. Wie alles ist auch dies nicht nur eine Frage des Standpunktes und der eigenen Befindlichkeit.

Wie wohl New York ist? Und wie werde ich sein in New York? Ich werde aus deutschen Augen schauen. Wer aber schaut aus meinen Augen?



03.10.2004

Brooklyn

109, Park Place – ein Apartment mit Garten: Hier wo nachmittags die kleinen Kinder spielen, wohne ich jetzt. Die 7th Avenue von hier, bis zur 8th Street, wo Martina wohnt, ist eine Einkaufsstrasse mit vielen netten, kleinen Geschäften, Ginko-Alleebäumen und wirkt heimelig, fast dörflich. Nach einem Tag ankommen, ausschlafen, reden, spazieren gehen, mit Anton spielen und auspacken, wollte ich endlich raus, mehr sehen, sehen wo ich war, ans Wasser und die Stadt sehen. Ich bin einfach losgegangen – ohne Stadtplan im Vertrauen auf meinen Orientierungssinn und darauf dass ich finde, wo ich hin will.

Flatbush Avenue runter in Richtung Manhatten: Hier hört das Dorf auf und sofort beginnt die Stadt. Neugierig und äußerst gespannt auf das was ich finde, konnte ich mich nicht eines seltsamen Gefühls erwehren: Hier in der Fremde alleine die große Straße entlang zu spazieren am Samstagabend, wenn alle, die hier unterwegs sind, das tun mit der Absicht zu feiern. Der dreistündige Spaziergang führte mich durch die Atlantik Avenue vorbei an Kneipen, Discos und Jazz Clubs zum East River, weiter zur Brooklyn Bridge und schließlich wieder zurück.

Es war äußerst beeindruckend die Stadt durch die Hafenanlagen hindurch leuchten zu sehen. Geheimnisvoll und viel versprechend: Manhatten. Die nächtliche Schönheit war besonders schön zu sehen, vor allem unverstellt und weniger finster von unterhalb der Brooklyn Bridge aus.

Manhatten Financial District

Ich bin fast froh, dass ich so wenig über New York weiß und alles ganz unvoreingenommen entdecken kann. Mein Ziel heute: Wall Street. Ein entrückendes Gefühl zwischen all diesen Türmen. Ein strahlender Spätsommertag, aber im Schatten der Türme ist es kalt, denn die Straßen sind eng. Das erinnert mich an die Täler in den Dolomiten. Auch dort findet die Sonne ihren Weg vor allem auf die Spitzen. Freier ist der Blick am Fulton Fishmarket, von wo aus man die ganze Pracht angenehm aus der Distanz betrachten kann. Hier liegen ein paar alte Schiffe wie die Peking aus Hamburg, ein Viermaster und ein genialer Anblick vor dieser Kulisse.

Anton

Martinas Sohn Anton ist ein pfiffiger, äußerst umtriebiger kleiner Bursche. Heute, Sonntag ist Antons Geburtstag. Was für ein Glück zwei Jahre alt zu werden. Und mein Glück mit diesen fröhlichen kleinen und großen Menschen Geburtstagsparty feiern zu dürfen.



05.10.2004

Vom Glück Probleme in New York zu haben

Gewohnheiten machen das tägliche Leben vertraut. Die einfachen Dinge werden schwierig, wenn sie fremd erscheinen. Die Organisation des Alltags, kleine Handlungen, über die ich sonst keine Gedanken verliere, werden hier zur Lernaufgabe. Den richtigen Dreh und vor allem den richtigen Schlüssel finden für das Türschloss, das klemmt. Den Wasserhahn richtig herum auf und zu drehen. Mit einem öffentlichen Telefon telefonieren und die passenden Münzen dabei haben. Das eigene Mobiltelefon in Gang bringen ohne ein Vermögen zu bezahlen. Eine Sim-Karte kostet 50 $ für 60 Minuten telefonieren und meine Batterie kann ich mit 110 Volt ohne Trafo nicht laden. Mit dem eigenen Computer ans Netz gehen und den Adapter für US-Steckdosen nicht vergessen. Den Eingang zur einer U-Bahn finden. Vor allem mit der richtigen U-Bahn in die richtige Richtung fahren und an der richtigen Station aussteigen. Verstehen lernen, was die Leute im ausgeprägtem newyorker Slang oder anders akzentuierten amerikanisch zu mir sagen, ohne nachfragen zu müssen.

Little Italy und China Town

Hier sind keine Hochhäuser und kaum Neubauten. Die Häuser sind älter und weniger gut in Schuss. Charakteristisch sind die Feuertreppen, die vor die Fassaden gehängt sind. Angenehm bunt ist es hier: viele kleine Lokale italienischer und vor allem asiatischer Natur und viele kleine schräge Läden mit allerlei Nippes. In einer Seitengasse sind nur chinesische Friseurgeschäfte: eines neben dem anderen und noch und noch eines. Die Canal Street steht voller Buden, die in die (teilweise recht chinesischen) Häuser integriert sind. Ein Hauch von Exotik weht in diesem Viertel über die recht gewöhnlichen Massen, die sich hier durch schieben. Mein Ziel: Mittagessen in der Mulberry Street in Wongs Rice and Noodle Shoppe. Es ist besonders schön, den Ort, zu zudem man möchte, einfach zu finden ohne ihn zu suchen. Hier gefällt es mir. An der Strasse sitzen alte Leute, die chinesische Anhänger aus Jade verkaufen, chinesische Motive auf T-Shirts malen oder aus der Hand lesen. In einem kleinen Park ringen sich Männer (alle Asiaten) um kleine Tische und spielen ein chinesisches Brettspiel.



06. 10.04

Arme

Ecke Park Place/7th Avenue vor der Baustelle lebt ein Mann auf der Strasse. Er ist sicher jünger als ich, bärtig und vermutlich indischer Abstammung. Gelegentlich ist er auch in Gesellschaft eines Kumpels. Morgens wenn er sich von seiner Pappe erhoben hat, faltet er sein blütenweißes Bettzeug zusammen und packt es in seinen Einkaufswagen. Heute habe ich ihn nicht mehr gesehen.

Während der Fahrt öffnete sich in der U-Bahn die Verbindungstür zum nächsten Wagen und herein kam ein kleiner Mann auf seinen Händen. Zwischen den Beinen der Menschen war er kaum zu sehen. Beine hatte er selbst keine mehr. Indem er sich so mit Rumpf und Händen vorwärts bewegte, schlug er immer wieder eine Blechdose auf den Boden, dass die Münzen nur so schepperten.

Greenwich Street, Tribeca: Mein Blick bleibt hängen an Plastiktaschen, die neben einem laufenden Hydranten an der Strasse abgestellt sind. Dann erst sehe ich auch den Mann, der mit weiß eingeschäumten Gesicht vor dem Hydranten kniet auf der Strasse kniet, sich wäscht und rasiert.

Auf der Bank in der U-Bahnstation neben mir sitzt eine junge Frau mit roten fleckigen Jogginghosen und schwarzen chinesischen Pailletten-Pantoffeln. Sie ist wirklich hübsch, aber ihr Kopf liegt nach hinten übergesackt und die rosa Baseballmütze ist auf den Boden gefallen. Sie schläft und sie stinkt. Zwei Officer kommen und schauen sie an. Einer von den beiden stößt mit seinem Fuß gegen den ihren: Sie soll abhauen, spätestens mit der nächsten U-Bahn. Dabei zückt er einen Block und fängt an, darin zu blättern und Notizen machen. Die U-Bahn kommt und sie verschwindet irgendwohin.

Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind schwarz.

United Nations

Die Fahnenmasten der Vereinten Nationen, die entlang des Zaunes nach dem Alphabet von Afghanistan bis Zimbabwe aufgereiht sind, sind leer: „under construction“ – Renovierungsmaßnahmen. Merkwürdig. Es ist ein schönes Gelände mit sonniger Terrasse am East River und einem äußerst interessanten mehrteiligen Gebäudekomplex von Le Corbusier. Die Führung durch das Gebäude offenbart interessante Details und Information zur Geschichte und der Arbeit in General Assembly, Security Council Chamber und Economic and Social Council Chamber. Nur schade, daß die vermittelnde und Frieden liebende Arbeit der Kommissionen hier nicht mehr Gewicht hat, als eine Empfehlung zu sein.

Im Eingangsbereich neben der schönen Empore zu sehen ist auch eine Ausstellung über die 100-jährige Geschichte der russischen Nachrichtenagentur ITAR TASS: Bilder aus dem russischen Alltag von der Jahrhundertwende an. Die Demontage der Standbilder des Zaren durch die Bolschewiken, ein Aufmarsch der Sportlerinnen auf dem roten Platz in Moskau, eine russische Kinderärztin bei der Arbeit unter Altai-Frauen, das Lenin-Mausoleum, russische Soldaten, russische Politiker, die vier Siegermächte, Treffen des russischen mit dem amerikanischen Militär, russische Raketen und Astronauten (vor allem Gagarin), ein seltsames Gefährt auf dem Mond usw. Fotos von russischen „Arbeitslagern“ fehlen. In der Foto-Dokumentation der russischen Geschichte kommen natürlich auch die Deutschen vor. Darunter die Belagerung von Leningrad, am Hungertod gestorbene Kinder, der 1. und der 2. Weltkrieg und die Fotos von der Befreiung der Konzentrationslager. Mir wird fast schlecht. Immer wieder macht mich die deutsche Geschichte extrem befangen. Wir werden diese Schuld nie los werden, denn auch wir Nachgeborenen sind Deutsche.

Vize Presidential Debate

Es ist das eineinhalbstündige Fernsehduell zwischen dem Vizepräsident Dick Cheney und Senator John Edwards. Die Themen unterscheiden sich wenig von solchen in Deutschland zur Zeit des Wahlkampf. Der 11. September, der Irak-Krieg, die Lügen, Arbeitslosigkeit und das Gesundheitssystem. Während Dick Cheney mit seinem asymetrisch verzogenen Gesicht mehr in den Tisch starrt, als in die Kamera zu schauen, um seine Statements von sich zu geben oder teilweise gar nicht zu antworten, wirkt der andere, Senator Edwards, attraktiv, frisch, offen und relaxt. Sein Lieblingswort scheint distortion „Verdrehung (der Wahrheit)“zu sein. Ich bedaure die Präsidenten-Debatte vor einer Woche nicht gesehen zu haben. Wenn ich die Wahl hätte, sie würde mir nicht schwer fallen.



08.10.04

Alltag

Manchmal fühle ich mich hier so verloren. Diese Stadt ist riesig. Diese Stadt ist ein Moloch. Und diese Stadt stinkt bisweilen. Nun bin ich eine Woche hier und diese Stadt beginnt mir richtig zu gefallen. Ich kann hier keine Hektik in der Stadt finden; aber das mag auch an mir liegen. Nicht auf der Strasse, nicht in der U-Bahn, nicht im Bus und nicht am Hudson. Ich bin angekommen bei mir und in der Stadt. Es ist wunderbar in den New Yorker Alltag einzutauchen: in die Gesichter, die Gespräche und die Geschichten. Ich mache meine Fotos für mein kleines Projekt und bin in Gedanken auch bei dem Großen. Es wird nicht einfach sein einen guten Ort für „Framework“ zu finden, aber ich werde ihn finden.

Solomon R. Guggenheim Museum

Das Gebäude von Frank Lloyd Wright ist mehr Skulptur als Museum. Schön. Leider ist die Hälfte der Ausstellungsräume „under construction“ – im Umbau sozusagen. In der Sammlung Thannhauser sind die Preziosen der europäischen Moderne versammelt. Schön und trotzdem langweilig. Die Azteken-Ausstellung, die hier demnächst zusehen sein wird, verspricht interessanter zu werden. Ich kann das ganze alte Zeug einfach nicht mehr sehen. Was davon gilt heute noch, ist noch relevant? Nur für die kleine Zeichnung von Edvard Munch: Portrait Erick Pedersen, würde ich wiederkommen. Daneben habe ich noch ein schönes Bild von Odilon Redon gefunden: Blumen und Profil; ein schönes Venedigbild von Claude Monet: Palazzo Ducale, ein interessantes Bild von Mondrian: Stillleben mit Ingwerdose, das sein Geheimnis zeigt, aber nicht offenbart und ein schönes Mädchen mit Erdbeerhaube von Jawlensky: Helene mit buntem Turban. Den Rest kann man so ziemlich vergessen. Es gibt noch ein paar schöne Modiglianis. Auch die Kandinskys sehen im Original besser aus als die Replikationen davon, trotzdem erinnern sie mich an Teppiche. Die Skizzen sind locker und noch besser als die Bilder. Hier fängt man an zu verstehen, woher sich seine Abstraktionen ableiten: aus der Gleichzeitigkeit und Gleichgültigkeit verschiedener Momente. Auch seine frühen gegenständlichen Bilder haben Seele. Picasso mochte ich noch nie und Van Gogh ist sicher ein bedeutender Maler, aber ich finde man sieht seinen Bildern nicht nur seine Genialität an, sondern eben auch seine Verrücktheit...

Angenommen Künstler suchen so etwas wie Wahrheit: Was ist dann Wahrheit und wo ist sie geblieben? Sie alle hier sind Kinder ihrer Zeit. Ich möchte Kind aller Zeiten sein.

Die Sammlung Buhl, die auch zur ständigen Ausstellung des Guggenheim gehört ist eine Fotosammlung mit ganz prominenten, zeitgenössischen Positionen. Mich beeindruckt immer wieder die Intensität der Akt-Fotografien von Rineke Dijkstra: Eine so eben entbundene Mutter mit ihrem Neugeborenen im Arm – leise zieht sich die rote Spur der Zeit von der Scham bis auf den Boden.



10.10.04

Second Presidential Debate

Verpasst! Die Debatte ist Thema und die Diskussion darüber mitzuverfolgen ist auch interessant. Der allgemeine Konsens ist, dass beide besser waren als bei der ersten Debatte und Bush die bessere Performance hingelegt hat. Einzelne fanden Kerry besser. Inhaltlich und argumentativ lag die Sympathie hier mehr bei Kerry. Aber wesentlich ist für die Amerikaner, wer sich besser geschlagen hat und nicht wer die besseren Argumente hat. Schade eigentlich. Wo ist mein Cowboy-Hut?

Isamu Noguchi Museum und Socrates Park

Hinter hohen Mauern versteckt liegt eine kleine Oase der Stille und der Kontemplation in Queens am East River, einem teilweise noch industriell genutzten Teil des Stadtviertels. Viele der Steinskulpturen im Museum und im Garten sprechen deutlich aus dem Geist und dem ästhetischen Verständnis ihrer Zeit. Ein stehender Stein, fast ein Dolmen und vor allem ein Brunnen haben eine Atem raubende Schlichtheit und Präsenz. Sie haben etwas wesenhaftes; wie überhaupt der ganze Platz hier.
Der Socrates Park liegt quasi gegenüber am Wasser gelegen und beherbergt verschiedene große Plastiken und Installationen junger Künstler, die mir jedoch nicht bekannt sind. Ein Paar sitzt auf einem Plastik-Felsen, der sich mit den Sternen und dem Schriftzug darüber als Paramount Picture zu erkennen gibt. Dahinter erhebt sich die Kulisse von Upper Manhatten vor dem Ost Fluss, der eigentlich kein Fluss sondern ein Meeresarm ist. Das Paar gehört nicht zur Installation, passt aber gut dazu.

Busfahren

Vor einer Autowerkstatt stehe ich und warte auf den Bus. Die kleinwüchsigen Männer in der Werkstatt haben eine südlichen Teint, und sie alle sprechen spanisch. Manchmal scheint mir, die Hälfte der Stadt spricht spanisch. Busfahren kann ganz nett sein. Dieser fährt in Richtung Astoria irgendwie durch Queens: Ich steige ein. Anders als in der U-Bahn, die einen für Stunden verschluckt und irgendwo wieder ausspuckt, sieht man hier, was draußen so passiert. Ein kleines Geschäft neben dem anderen. Schilder in den verschiedensten Sprachen, griechische Fahnen. Die Häuser sind noch niedriger.

Empire State Building

Täglich besuchen 12 bis 14 tausend Besucher dieses Gebäude. Atem raubend ist hier nicht nur das Anstehen mit einigen anderen Hundert zusammen in den engen und niedrigen Fluren im 2. Stock des Gebäudes, sondern erst die Aussicht von der Plattform aus. Unglaublich. Fantastisch. Man sieht wie riesig der Central Park ist. Das Wasser, das die Stadt umgibt! Die Brücken. Die Hochhauskomplexe in Lower und Upper Manhatten. New Jersey. Das Bild in meinem Kopf fügt sich zusammen. Schwarze Polizisten schwer bewaffnet.

Rikrit Tiravanja
Eine viertägige Veranstaltung von Rikrit Tiravanja vom Guggenheim Museum in einer Halle Hudson/ Spring St. Einige Leute sind begeistert von diesem Event und den Veranstaltungen hier. Samstag Abend spielen verschiedene Bands. Über verschiedene Fernseher und Wände flimmern Filme. Die Musik ist im wesentlichen Krach und die Leute sind sehr cool. Es gibt Drinks (Wasser) und es gab auch Sandwiches. Ich finde alles sehr fragwürdig.



12.10.04

Einsichten und Aussichten

Viele der öffentlichen Gebäude haben hier eine Sicherheitskontrolle, Sicherheitsbeamte und Taschen-Röngtengeräte. Ich muss jedes mal den Gürtel abnehmen – Strasssteinchen und Nieten lösen Alarm aus. Die Architektur wird den Sicherheitsbedingungen angepasst. Die Uno hat ihren Sicherheitscheckpoint in einem weißen Zelt untergebracht, das dem Gebäude vorgelagert ist. Sicherheitsfenster, Sicherheitstüren, Sicherheitsglas. Die Suche nach der richtigen Aussicht für meine Arbeit zeigt sich schwierig. So viel Sicherheit lässt meine Arbeit auch nicht zu.

Mein Programm heute ist die Besichtigung verschiedener öffentlicher Gebäude in Brooklyn, die für meine Arbeit in Frage kommen: der Prospect Park YMCA/Community House in der 9th Street und die Brooklyn Library Ecke 6 Ave und 9th Street. Auch im YMCA ist alles sehr sicher. Ich frage den Pförtner, ob ich das Gebäude besichtigen kann und werde durch zwei Sicherheitstüren in ein Büro geschickt, in dem ich ein Formular mit meiner Adresse und meinen Interessen ausfülle. Ein junger Schwarzer öffnet mir eine Sicherheitstür und führt mich durch das Gebäude. Schwimmhalle, Sauna, Umkleiden, Handtuch-Service, Aerobicraum, Stretchraum, Fitness-Center, Kraftraum, Laufbahn, Basketball-Halle, Büros, Klassen- und Computerraum. Das ganze Angebot der Kurse und alle Räume erklärt er, allerdings in einem ziemlichen Slang. Ich muss immer wieder seine dicken Lippen anschauen, nicht nur um ihn besser zu verstehen.

In der Basketball-Halle treffe ich auf eine eigenartige Szenerie: Unter dem Korb stehen zwei Leute und schauen hinauf. Der eine ist schwarz und trägt den Ball, der andere ist blass und trägt einen Fahrradhelm. Für einen kurzen Augenblick ist meine Aufmerksamkeit abgelenkt von den dicken Lippen und was sie zu den Basketball-Kurszeiten sagen. Schon hat sich die Szenerie verändert, ist wie eingefroren. Der Helmträger liegt steif wie ein Brett auf dem Boden, der lange schwarze Ballträger schaut auf ihn hinunter und für Minuten passiert nichts. Was ist hier los? Der Helmträger rührt sich nicht. Seine Hände sind nach innen gedreht, offenbar im Krampf und sein aufgedunsenes Gesicht ist rot. Der Ballträger grinst. Schließlich greift er hinunter auf die Schulter des Helmträgers, damit dieser aufsteht. Tonlos und umständlich richtet sich dieser auf. Er hat einen ordentlichen Buckel. Sein Gesicht ist immer noch rot und der hervorquellende Blick ist starr. Dann geht er mit dem Ballträger weg: Er geht tapsig. Der sieht nicht gut aus, sage ich und frage, ob der Epileptiker sei. Schulterzucken. Die Lippen sagen, das sei so eine Art Krankheit und das Helm und Ball tragen eine Therapie. Unbrauchbar sind auch die Fenster im YMCA – für meine Arbeit.

Die Brooklyn Library dagegen ist ein altes T-förmiges Gebäude mit schönen alten Kaminen und umfasst einen relativ kleinen Bestand an Büchern. Die meisten Fenster sind sehr hoch, verleiten aber nicht zur Ausschau. Auf der Empore oben links gibt es kleine Fenster, unglaublich schmutzige Fenster mit Fliegengittern davor. Die wären eine Option, vielleicht nicht die beste.

Bötchenfahrt

Ich kann immer noch nicht richtig U-bahn fahren. Mit ach und krach erreiche ich die letzte Rundum-Tour (Full Island Cruise) der Circle-Line. Julia sagt dazu Bötchenfahrt. Ich bin der letzte Gast, der an Bord geht. Sehr angenehm und einfach schön sich durch die Sonne und die Gegend schippern zu lassen. Dabei erfährt man auch noch Wissenswertes über die Stadt und ihre Geschichte. Ellis Island, Freiheitsstatue, und natürlich Manhatten, Manhatten, Manhatten... Am teuersten wohnt man in der Fifth Avenue am Central Park. Da kostet ein Apartment dann ein paar Millionen Miete im Jahr. Interessant zu sehen auch die weniger ansprechenden Wohnviertel in Harlem und der Bronx. So lebt man hier auch.



13.10.04

Botanischer Garten Brooklyn

Auch in diesem schönen alten Garten wird es Herbst. Die Herbstzeitlosen sind bereits am verblühen. Noch wärmt die Sonne und duften die Rosen. Julia und ich genießen den Tag.

Brighton Beach

Viele kleine Geschäfte und Stände auf der Strasse: Hier spricht und schreibt man russisch. Für einen Dollar gibt es fettiges Schmalzgebäck zu kaufen gefüllt mit Weißkraut oder Fleisch. Schmeckt gut. Eine Frau deutet auf ihren Arm und will die Zeit wissen. Ich zeige ihr meine leeren Arme. Sie schüttelt fragend den Kopf – „niet?“ Ansonsten: Strand, Wasser, Meer in der warmen Oktober-Sonne...

Die Steinhof Geschichte

Neulich Abends gehe ich in Brooklyn die 7.th Avenue hinunter und bin verärgert, weil das Computer-Cafe schon zu hat. Vermutlich schaue ich grimmig. Vor einer Wirtschaft spricht mich eine Frau an, die dort steht und raucht: „Schau ned so angfressn!“. Ich denke erst, ich habe mich verhört und sage nichts. Aber heute musste ich feststellen, dass die Wirtschaft Steinhof heißt und dass hier Gösser ausgeschenkt wird. Jetzt hätte ich gern „Bist du deppert?!“ gesagt oder ähnliches, aber die Frau steht natürlich nicht mehr da.

Third Presidential Debate

Satt, müde und „bildungshungrig“ sitzen Martina, Joel, Angel und ich von neun Uhr abends an vor der Glotze und schauen dem Präsidenten, dem Präsidentschaftskandidaten und ihrem Moderator bei der Arbeit zu. In dieser kleinen Runde ist der Moderator am sympathischsten und von allen Moderatoren in dieser Reihe stellt er die besten Fragen. Und die armen Amerikaner haben die Wahl. Bush wirkt aufgeregt und irgendwie senil. Er bekommt keinen einzigen ganzen Satz ohne Zögern raus. Seine kleinen Knopfaugen glitzern wie verrückt und scheinen am laufenden Band „Papa, am I doing well?“ zu fragen. Kerry wirkt auf mich eher steif und zurückhaltend. So wie er sich gibt, scheint er nicht an seinen eigenen Erfolg zu glauben. Dieses ganze „Debattieren“ und auch die anschließende Analyse durch Journalisten scheint mir eine reine Meinungsmache. Bush war hinterher immer der Bessere. Fragwürdig, fragwürdig.



14.10.04

Was ein Fenster ist

Es geht um das Hinausschauen. Aus dem Fenster hinaus. Was ist ein Fenster? Die Frage, die mich hier immer wieder beschäftigt. Welches Fenster an welchem Ort wird es sein? Sind die vorhandenen Fenster geeignet? Hier gibt es vorwiegend Thermopenn-Fenster in Metallrahmen mit einem Fliegengitter. Fenster ab einer bestimmten Größe sind in Plexiglas nicht zufrieden stellend zu bewältigen. Glasanfertigungen würden ein Vermögen kosten. Der Sicherheitsfaktor, der hier in den USA eine wesentliche und entscheidende Rolle spielt, lässt viele Fenster von vornherein ausscheiden. Dazu kommt die extreme Kälte im Winter.

Die Fenster in den Glashäusern im Botanischen Garten wären eine Option gewesen, wenn man hier durch die Fenster hinausschauen würde. Aber man schaut hinein und vor allem schaut man auf die Pflanzen. Die Ladenfenster des Shops Ecke Spring/ Hudson St in Manhattan, in dem ich neulich einen Schokoriegel erstand, hat mir Angel gezeigt. Sie sind interessant, aber zu groß. Einzig die Ladentür wäre hier eine Option.

Columbia University

Das Gelände und die Bauten dieser schönen Wissensanstalt bilden einen geschlossenen Campus und wirken mächtig beeindruckend. Eine Erinnerung an die alten geschlossenen Krankenhauskomplexe kommt mir. Karla hat mich eingeladen zur Zwischenpräsentation ihrer Studenten (3. Semester Architektur) zu kommen. Sehr interessant. Die Studenten arbeiten hier ganz schön hart.



17.10.04

d.u.m.b.o. Art Under the Bridge Festival

Ein ganzes Viertel für Künstler und Spekulanten in Brooklyn: Aus den verschiedenen Gebäuden eröffnet sich ein fantastischer Blick zum Teil über Baustellen, über den East River, beide Brücken bis nach Manhattan. Es ist das Wochenende der offenen Ateliers. Fast in jedem Haus sind Ateliers und Künstler aller Gattungen zu finden. In Anbetracht der vermutlich nicht ganz billigen Mieten muss man davon ausgehen, dass sie ganz gut im Geschäft sind. Es gibt einige wenige interessante Positionen unter viel mittelmäßigem Zeug, das aber sehr zeitgenössisch daher kommt.

"Southern Black Delicacies"

Eine wunderbare Dinner- und Tanzparty bei Andrea in Harlem. Ich bin eingeladen – sehr schön. Endlich wieder ausgehen. Viele fröhliche Menschen aller Nationen und Farben sind hier: Angloamerikaner, Afroamerikaner, chinesische Amerikaner, Österreicher, Chilenen, eine Französin und ich. Von den vielen Namen kann ich mir die afrikanischen am wenigsten merken. Andreas Freund Shenoa ist samtig schwarz und hat ein interessantes waches Gesicht. Ich freue mich Andrea wieder zu sehen. Sie ist wie sie ist: Andrea mit weißen Turnschuhen, schönen roten Fingernägeln, schwarzen Netzstrümpfen, weißem Minirock, einem zeitlich undefinierbaren hellblauen Oberteil und einer weißen Strickmütze mit Schirm. Steve ist Fotograf und vertreibt sich die Zeit damit, zusammen mit seiner Freundin relaxte digitale Fotos vom fröhlichen Partytreiben zu schießen. Aurelie – eine blonde Schöne mit einem sehr breiten Mund und sehr breitem Lachen hat keinen französischen Akzent mehr und einen Sohn, den sie in Marseille aufziehen möchte. Ein Wiener DJ, ein netter Matthias, der mir nicht näher bekannt ist, trägt einen Polizisten-Schnurrbart und ein Sweatshirt mit dem Aufdruck: Norwegisches Jazzfestival. Sein Freund vom Österreichischen Rundfunk hat Geburtstag und versteht die Chilenen nicht, die lieber in der Küche stehen, reden, trinken und lachen als auf seine Musikauflagen zu tanzen. Die Musik ist genial gut. Auf den zwei Plattenspielern hier wird nur Vinyl gespielt – abwechselnd von vier DJ’s. Super sexy und mit einem sehr direkten dunklen Blick aus halb geschlossenen Augen tanzt für mich ein schöner Schwarzer mit schwer zu merkenden Namen.



18.10.04

Menschen und was sie erzählen

Ein Mann der vor mir in der U-Bahn steht, predigt auf meine beiden Nachbarn ein. Sie sind schwul. Er redet über die Liebe und was am wichtigsten in einer Beziehung ist. Ob ihnen die Bedeutung von Intimität bewusst wäre. Dass „intimacy“ gleich bedeutend ist mit „into me see“. Und dass der wichtigste Freund der kleine Junge im Herzen des Partners sei.

Am Nebentisch im Café Noir sitzen zwei Männer und besprechen geschäftliches: ein Architekt und ein Wirt. Der Wirt sieht deutlich französisch aus und artikuliert das auch. Neben einem Fass Rotwein und einem muffeligen Camembert würde er den perfekten Patron abgeben. Er trinkt aber Bier. Die beiden planen ein neues französisches Lokal in Soho. Der Wirt spricht ein recht französisches Amerikanisch und der Architekt ist nach seinem leichten Akzent zu schließen auch ursprünglich Franzose. Offenbar kann er kein französisch mehr. Sämtliche Versuche des Wirts französisch zu kommunizieren scheitern.

Ein Fenster finden

Ich bin am westlichen Ende der Canal Street unterwegs auf der Suche nach einem Plexiglas Shop. Diesen Teil der Strasse kenne ich noch nicht. Nachdem ich erstanden habe, was ich brauche, finden sich noch mehrere andere Plastic Shops und natürlich Shops mit Taschen, Glitzerkram, Uhren und jedweder Nippes. Mein touristischer Blick auf die Stadt hat sich nach zwei Wochen glücklicherweise verflüchtigt und ich kann wieder normal schauen. Alles was fremd ist, scheint schön und exotisch, aber zu dem ersten Anblick gehört eben auch ein gewisses Erstaunen oder Erschrecken. Der Schreck ist jetzt weg.

Auf der gegenüber liegenden Straßenseite fällt mir ein Gebäude auf. Es ist interessant, weniger hoch als die Anderen, rosa gestrichen und offensichtlich aus einer anderen Zeit: aus den 30iger Jahren. Auch von innen gefällt mir dieses Gebäude und vor allem seine Fenster. Es ist ein Postamt. Diese Fenster eignen sich gut für mein Projekt; auch der Blick auf die Strasse ist schön. Nur über den Schaltern hängen großformatige Gemälde, die mir nicht besonders gefallen. Aber das kann man getrost ignorieren. Selbst diese Nachbarschaft täte meiner Arbeit keinen Abbruch. Ich beschließe darüber nachzudenken und wieder zu kommen. Bei meinem zweiten Besuch treffe ich zufällig auf den richtigen Ansprechpartner und vereinbare mit ihm einen Termin.



19.10.04

Hells Kitchen

Die Häuserblöcke sind hier kleiner und enger, die vorwiegend alten Häuser nach wie vor hoch, dazwischen Baustellen und Baulücken und auch ein etwas lang gestrecktes Parkhaus. Hells Kitchen so heißt dieses Viertel. Martina und ich treffen uns in der U-Bahnstation 42te Strasse. Von dort gehen wir zurück in die 39te auf einen Atelierbesuch zu Julia. Sie hat ein kleines helles Atelier im siebten Stock – in der Etage für ISCP. Toll so ein PS1-Stipendium. Sie erzählt von ihren Stadtspaziergängen, von ihren Pflanzensammlungen unterwegs und ihre Bilder wachsen. Sie erzählt davon dass es hier in der Bahnhofsgegend etwas rauer zugeht und dass sie dort abends nicht so gern allein unterwegs ist. Sie erzählt auch von Einschusslöchern in einem Haus in der Nähe, die sie noch gesehen hat und die jetzt wegrenoviert sind. Es ist wirklich schön Julia besser kennen zu lernen und den Entstehungsprozess ihrer Bilder mitverfolgen zu können. Ihre Wohnung in Soho kenne ich ja schon; sie ist auch sehr klein, aber nett .

Vom guten Gefühl

Nachmittags habe ich einen Termin mit John Yuen von der Post und dafür sämtliche Unterlagen zu meiner Arbeit vorbereitet: Fotos, Konzept und Lebenslauf. Ich kann nicht sagen warum, aber ich habe ein sehr gutes Gefühl, dass das hier klappen wird. Mein anschließendes Gespräch mit ihm verläuft sehr gut. Er will mir nicht zu viel versprechen, aber ich merke auch, er will meine Arbeit dort haben. Nur eins muss er vorher abklären, mit dem Denkmalschutz: ob das auch geht. Er will mir Bescheid geben.



22.10.04

Geduld haben

Alles entwickelt sich langsamer als erwartet. Geduld ist angesagt. Joel telefoniert mit dem Mann von der Post, weil er Leute beim Denkmalschutz kennt und weiß worauf bei dieser Sache ankommt. Das ist eine sehr gute Unterstützung. In einem weiteren Telefongespräch mit ihm kann ich ebenfalls noch verschiedene Details klären und hoffe nun bald zu erfahren, was seine Verhandlungen mit dem Denkmalschutz ergeben.

Wortspiele

leben/lieben. Diese kleine Arbeit mache ich für Martina und Joel’s Verbindungstüre zwischen Wohnzimmer und Küche. Von jeder Seite wird jeweils ein Wort richtig und das andere spiegelverkehrt zu lesen sein. Die gerade fertig gebohrten und genähten Plexiglas-Platten werde ich demnächst in Türe einpassen. Fensterkitt wie in Deutschland gibt es hier nicht mehr. Es gibt auch kaum noch alte Holzfenster oder Türen. Aber es gibt Silikon und auch Acryl. Das ist das Ergebnis verschiedener Besuche in Hardware Stores und einer Glaserei.

Chelsea

Chelsea am Abend ist dunkel, dunkler schon als New York bei Nacht. Vereinzelt gibt es Straßenlaternen. Und es leuchten die Lichter der Ampeln, Taxis und Galerieräume. In nur wenigen Strassen und Blocks reihen sich Galerie an Galerie in alten Lagerhäusern oder vereinzelt auch in schicken Neubauten. Hier ist ganz schön was los. Auch die Kneipen sind sehr ansprechend. Die meisten Leute sind zu Fuß oder im Taxi unterwegs. Ich muss eigentlich nur hinter ihnen herlaufen und schon bin ich auf der nächsten Eröffnung. Auf diese Weise brauche ich meinen Ausstellungs- und Veranstaltungsplan fast gar nicht. Eine Eröffnung nach der andern mache ich. Die Szene ist bunt bis mondän. Mein Outfit, abgestimmt auf den Werkstattbesuch am Nachmittag, ist hier leider unpassend: Bluntstone Stiefel, Jeans und Anorak. Wenn eine Frau hier nicht entsprechend gestylt auftritt, fällt das ziemlich auf. Das nächste Mal werde ich mich natürlich richtig aufbrezeln.
Die Malerei, die hier mehrheitlich gezeigt wird, ist bunt realistisch bis fantastisch. In einer Galerie, 529 West 20nd Street 8.Stock, finde ich eine Künstlerin, Monika Weiss, die sehr sensible, tiefsinnige wie einfache Arbeiten zeigt. Diese Arbeiten sprengen das herkömmliche Vorstellungsvermögen von Zeichnung. Sie versteht Zeichnung als gestisch, raumgreifend, auch als Performance oder Video und arbeitet auf Riesenformaten, die aus mehreren Bahnen Papier zusammengeklebt sind. Ebenfalls in dieser Galerie sind Selbstportraits einer Kollegin: grauenhafte Fotos. Eine Künstlerin ergießt sich darin ihre Katze zu knutschen. Pervers. Bei Cheim & Read gab es eine Eröffnung mit Louise Bourgeois. Massenhaft Leute. Sehr schick alle. Und sie ist auch da. Ich muss sagen, dass ich über diese neuen Arbeiten nicht lästern kann. Es gibt mehrere Serien kleiner abstrakter Zeichnungen, die hervorragend sind. Die neuen plastischen Arbeiten sind ebenfalls klein, vorwiegend aus Stoff und überzeugen durch ihre Intimität wie Intensität.



25.10.04

Ein Samstagnachmittag

Nach meinen Besorgungen in Manhattan, treffe mich mittags mit Angel in der Canal Street. Die Fenster in der Post haben wir uns heute genau angesehen. Ich bin sehr froh darüber, dass er mir seine Hilfe anbietet, die Fenster in der Post auszutauschen, wenn es so weit ist. Es ist mir wegen diesem Sicherheitsbrimborium hier im Land etwas unangenehm, das Fenster so detailliert zu untersuchen. Ich möchte nicht als terrorverdächtig auffallen, aber keiner schert sich um uns und was wir machen. Es sind nicht verschraubte, sondern vernietete Alufenster, was das Auswechseln nicht ganz einfach macht.

Die hungrigen Bäuche füllen wir bei Nonya in Chinatown. Das unaussprechliche malaysische Essen schmeckt sehr lecker und den anschließenden Spaziergang machen wir im Central Park. Toller Park. Er ist so groß, dass man ihn auf einmal gar nicht durchwandern kann. Immer wieder eröffnen sich hier neue Landschaften. Ich bin schon zum zweiten Mal da und entdecke ihn wieder neu. Picknicken ist hier auch nett. Abends gehen wir noch ins Kino in der 86. Strasse:

The Motorcyle Diaries

Es ist die spanische Originalfassung mit englischen Untertiteln produziert von Robert Redford. Der Film ist super. Südamerika in den 50er Jahren: Zwei Burschen beschließen nach ihrem Studium eine Motorradtour von Argentinien aus durch Patagonien, Chile, Peru und Ecuador zu machen. Super schöne Landschaften flimmern über die Leinwand. Wunderbar!, denke ich, ich werde spanisch besser lernen, denn da will ich auch noch hin. Der Film dokumentiert ihre Erlebnisse und ihre Bekanntschaften auf dieser Reise. Im Verlaufe des Filmes beginne ich auch zu verstehen, was eigentlich von Anfang an klar ist: Der Mann mit dem Spitznamen "Fuser" ist im richtigen Leben der junge Ernesto Che Guevarra gewesen.

Ein sonntäglicher Familienausflug

Mit Martina Joel und Anton und zwei befreundeten Familien von ihnen fahren wir nach Storm King Park. Auf der Fahrt dorthin muß ich feststellen, dass ich die Zeit für meinen Besuch im State NY gut gewählt habe. Es ist eine schöner Herbsttag und nicht zu kalt. Die Laubwälder unterwegs leuchten bereits in den schönsten Farben und auch in diesem größten Skulpturenpark, in dem ich je war, sind die Färbungen der Bäume prächtig: Von grün über gelb bis knallorange und karminrot finden sich Blätter und Bäume aller Arten. Weitläufig erstreckt sich das Gelände und hier und da stehen riesige Skulpturen von vorwiegend amerikanischen Künstlern. Am besten gefällt mir die weiträumig angelegte 4-teilige Skulptur von Richard Serra, die aus wuchtigen 10 cm dicken Eisenplatten besteht, die in den Hang hinein geschoben sind. Aus der Ferne sieht diese Arbeit ganz grazil aus und wirkt auf mich wie eine zarte Festung für einen plastischen Gedanken. Von Andy Goldsworthy gibt es eine lange Mauer die sich durch den Park zieht und im Wald um die Bäume schlängelt. Zwei weitere recht große wie interessante Arbeiten aus Beton und Blech (ca. 5/6 Meter hoch) neueren Datums (2003) stehen auf einer Wiese und stammen von einem Künstler namens Lundberg (oder so ähnlich). Diese Plastiken gefallen mir ganz gut, weil sie gut geformt sind, schön roh und ruppig dastehen und nicht die in diesem Park vorwiegende 70er-Jahre-Skulpturen-Ästhetik haben. Leider spinnt meine Kamera und ich kann von den schönen Herbstfarben und plastischen Formen nichts fotografieren.



26.10.04

Post post Post

Nach meinen vergeblichen Versuchen am Montag (gestern) den Mann von der Post zu erreichen, weil er anderswo auf einer Sitzung war, gelingt es heute ihn dort zu treffen. Offenbar ist er erfreut mich zu sehen und bekundet sein anhaltendes Interesse an meiner Arbeit. Wir besprechen noch einmal alles wesentliche. Er selbst ist leider noch nicht tätig geworden, will aber jetzt so schnell wie möglich mit den Leuten vom Denkmalamt telefonieren. Die Zeit wird knapp und das ist auch ihm bewusst.

The Metropolitan Museum of Art

Auf der Ostseite des Central Park liegt diese wunderbare Schatzkiste, die unglaubliche Schätze beherbergt und die vielfältigen künstlerischen Fertigkeiten und Kleinode der Menschheit über alle Grenzen, alle Jahrhunderte und Erdteile hinweg bezeugt. Auch der Blick vom Dachgarten des Museums ist absolut großartig: Man sieht über den Park und die Kronen der Bäume auf die Stadt. Immer wieder frage ich mich, was Menschen zum Sammeln anhält, bewegt Schätze zu sammeln und anzuhäufen. Die Motive waren über die Zeiten und Kulturen sicher nicht immer die gleichen. Was dem einen im Jenseits helfen sollte und als Grabbeigabe mitgegeben wurde, soll nun bereits den Lebenden helfen, um ihre Freude und ihr Wissen zu vermehren. Wie schön, dass heute Museen diese Qualitäten mit ihren Besuchern teilen.

Die außerordentliche Fülle an Exponaten und Sammlungen wirkt auf mich faszinierend und gleichzeitig verwirrend – ganz wie die Stadt selbst auch. Ich möchte gern so viel wie möglich sehen. Am meisten begeistern mich immer wieder Formen, das plastisch Geformte. Die verschiedenen Wege zu einer Abstraktion zu kommen faszinieren mich. Es ist einfach fantastisch, welche Formen ein Helm, der Griff eines Schwerts, eine Maske, ein Krug, Becher oder Topf haben kann. Ganz gleich ob sie aus Europa, Persien, Afrika oder China stammen. Bei den Bildern gehört meine Vorliebe natürlich den alten Meistern. Ein Ehrfurcht einflössender Rembrandt hängt hier und mein Lieblingsbild: Venus mit Amor dem Honigdieb von Lucas Cranach d.Ä.

Ich finde auch ein ganz besonderes interessantes Bild von Giovanni di Paolo: „Die Erschaffung der Welt und die Vertreibung aus dem Paradies.“ Oben links zu sehen ein göttlicher Geist, der dem ganzen Leben einhaucht. Darunter liegt unten links die Welt, die noch aus Wasser und Erde besteht, eingefasst in grünblauen konzentrischen Kreisen in deren Mitte. Sie wirkt als befinde sie sich gerade im Stadium der ersten Zellteilung eines Ei. Rechts davon zu sehen ist eine Szenerie (ohne Zaun und ohne Kreise!!!) vor exotischen Bäumen und Vögeln, Blumen und Erdbeeren: der Engel schickt das Paar nach rechts, d.h. aus dem Bild hinaus. Wenn man dieses Bild der Lesrichtung entsprechend liest und von der herkömmlichen Vorstellung des Paradies als umzäunten Garten ausgeht, kann man diese Bildergeschichte auch so interpretieren: Der Mensch ist dem Ei (Paradiesgarten) entsprungen, um frei zu sein bzw. frei zu werden.



27.10.04

Wie ich in New York bin

Die ersten Tagen in der Stadt sind in ihrer Wirkung auf mich so überwältigend und ich komme mir hier so klein vor, dass ich mich nicht traue, einen klaren Blick auf die Welt zu werfen. Ich könnte ja irgendwie auffallen und am Ende als Tourist – wie unangenehm! In der U-Bahn verstecke ich aus purer Scheu meine Nase in einem Buch und lese, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, Leute anschauen zu müssen. Die Schwarzen sind mir zunächst fast ein bisschen unheimlich. Ihre braunen Gesichter sind so dunkel und mir so fremd. Das hat sich jetzt geändert. Ich fühle mich so wohl hier wie ein Fisch im Wasser. Ich fürchte mich nicht mehr. Jetzt fühle ich mich sicher in der Stadt und in der U-Bahn. Ich meine wirklich: was gibt es zu fürchten?

Es ist interessant, was ein fremder Ort mit einem macht. Allein in der Fremde unterwegs zu sein, ist sowieso speziell. New York ist eine in jeder Hinsicht umwerfende Stadt. Die Stadt und das Leben hier erscheinen mir hart. Manchmal wünsche ich mich zurück nach D. Ich halte diese entsetzliche Einsamkeit einfach nicht mehr aus. So schlimm ist das plötzlich und ich bin froh, dass ich bald fahre. Glücklicherweise fallen manchmal Engel vom Himmel und direkt vor die eigenen Füße.

Die letzten Tage

Auf meine Weise beginne ich nun meine Arbeit hier und damit meinen Aufenthalt abzuschließen. Ich verbringe viel Zeit damit meine Notizen zu vervollständigen. Diese Dokumentation meiner Gedanken, meines künstlerischen Projekts und damit meines Besuches hier in der Stadt, ist viel wichtiger für das Projekt, als ich zunächst dachte und ich verwende viel Zeit darauf zu schreiben. Als Reflektion über meinen Alltag hier – wenngleich semitouristischer Alltag – ist es sogar ein wesentlicher Bestandteil davon. Es ist mir immer schon schwer gefallen, die Grenze zu ziehen zwischen Kunst und Leben. In meinem eigenen Leben erscheint mir das ganz unmöglich: Ich bin mit Leib und Seele Künstlerin. Das Schreiben ist eine wichtige und neue Erfahrung, auch wenn ich mich nicht als Schriftsteller betrachte. Es ist mir kostbar geworden, weil die bewusste Revision wertvolle Erkenntnisse birgt und diese überhaupt erst hervorbringt. Vielleicht bin ich so eine Art Alltags-Dokumentations-Künstlerin.

Verhandlungen

Der Alltag zeigt sich jetzt von einer recht anstrengenden Seite. Das bedeutet warten auf positive Rückmeldung von John Yuen von der Post. Weil von ihm nichts kommt, kein Anruf, kein Zeichen nichts, rufe ich ihn also an und erfahre, dass er aktiv geworden ist. Er hat mit den Leuten vom Denkmalamt Kontakt aufgenommen und verhandelt mit der Rechtsabteilung. Ich frage gelegentlich nach, denn das Amts-Englisch kommt mir bisweilen etwas spanisch vor. Offenbar soll ich eine Art Bestätigung der technischen Veränderung bzw. rechtliche Erklärung unterschreiben. Er wartet noch auf eine Rückmeldung vom Denkmalamt, aber die nette junge Frau, mit der er gesprochen hat, wie er sagt, lässt mit der Rückmeldung auf sich warten. Alles scheint an diesem Dokument zu hängen. Die Realisierung an sich wird von ihnen nicht in Frage gestellt. So wartet er und warte ich und ich muss sagen, diese Warterei ist recht frustrierend. Auch mit meiner 2. Nachfrage bei der Post am Nachmittag erreiche ich nichts: keine bahnbrechenden Neuigkeiten. So folgt ein recht frustrierender Abend, an dem ich mich mit Lustlosigkeit und Einsamkeit quäle. Auch die schöne Mondfinsternis kann mich nicht beeindrucken oder herausreißen. In meiner derzeitigen Stimmung betrachte ich dieses himmlische Zeichen sogar noch als Bestätigung. Oh je.



28.10.04

Vom Stand der Dinge

Ich versuche immer wieder Herrn Yuen zu erreichen, um zu hören, was inzwischen beim Denkmalamt erreicht hat, aber die Damen von der Post sind zu beschäftigt, um das Telefon abzunehmen. Also fahre ich los, denn vielleicht ist es einfacher, ihn dort persönlich zu erreichen. Genau gegenüber der Post in der Canal Street sind auch die Plexiglashändler. Meine Überlegungen wie ich angesichts der ablaufenden Zeit mit dieser schwierigen Situation umgehen soll, münden schließlich in einer Entscheidung: Ich werde die Scheibe fertig bearbeiten, damit ich sie bei einem positiven Bescheid sofort einbauen kann. Auch Herr Yuen zeigt sich überzeugt von der Richtigkeit dieses Entschlusses, denn wieder weiß er nicht mehr zu berichten, als das was wir schon wissen. So besprechen wir detailliert, wie die Scheibe auszutauschen ist, wer das macht und wer dafür zuständig ist im Fall, dass die Entscheidung erst nach meiner Abreise fällt. Dann müsse ich einen Agenten finden, der in meinem Sinne die weiteren Geschäfte und Arbeiten erledigt. Wie gut zu wissen, dass meine Freunde hier hinter diesem Projekt stehen und mithelfen: ein Segen! Im Beisein des Hauswartes vermesse ich noch einmal genau die Scheibe und lasse mir diese gleich anschließend im Geschäft gegenüber zuschneiden.

Einkaufen in New York

Einkaufen in NYC ist ein Erlebnis, ob im Kiosk um die Ecke, ob im Supermarkt, im Fachgeschäft oder in einem Einkaufszentrum. Ein berauschender Anblick an Überfluss an Waren blickt einem da strahlend entgegen. Obst und Gemüse sind glanzvoll aufgehäuft. Die Waren scheinen nie weniger zu werden; auch die vielfältigen Packungen in den Regalen nicht. B&H beispielsweise ist ein unglaubliches Fotofachgeschäft. Es gibt vermutlich nichts, was es hier nicht gibt. In der Fülle der Angebote erhält man Hilfe von ausgesprochen zuvorkommendem Personal mit Schläfenlocken und Kipa. Hier kann ich endlich erstehen, was ich für die Bearbeitung meiner NY-Dias brauche.

Es gibt alles und das im Überfluss und nur für den, der sich’s leisten kann. Wie viele es hier gibt, die genau das nicht können! Sie sind es, die ihre Einkaufswagen von Haus zu Haus schieben, um aus den Mülltonnen die Pfandflaschen zu ziehen. Mit dieser Arbeit unterhalten die armen Menschen ihr karges Leben. Sie mögen einen nicht anschauen und verbergen ihren Blick aus Scham in der Mülltonne. Auch die Passanten schauen weg, was das Problem nicht unsichtbar macht.

Lower Eastside

Ein nettes Viertel – hier gefällt es mir. Ich kann mir sogar vorstellen hier zu wohnen. Keine Wolkenkratzer sondern kleine Feuertreppen-Häuser in kleineren Strassen mit netten, schrägen und  auch schicken Kneipen wie Geschäften. Ähnlich wie in Williamsburg aber wesentlich etablierter. Es ist bunter hier, einfacher und künstlerischer zugleich. Ja, man kann hier gut ausgehen und ich genieße es sehr mal abends unterwegs zu sein und nicht allein. Angel meint, die Leute wären hier mehr down-to-the-earth, etwas alternativer und kreativer eben. Wir laufen ein bisschen herum und entscheiden uns schließlich für ein südamerikanisches Lokal: Paladar. Super. Das Essen ist hervorragend: mexikanisch angehaucht, aber weit jenseits von irgendwelchen Taco-Geschichten. Anschließend treffen wir Rolf und Julia in der Mercury Lounge. Das ist wie Rolf sagt, ein legendärer Club und Mike Watts vermutlich einer der besten Bassisten weltweit. Kommt angeblich aus L.A. aus dem Umfeld von Mike Kelly. Dieses Hörerlebnis ist interessant und spannend, eine absolut überraschende fantasievolle und hoch konzentrierte Musik – Hardrock würde ich sagen, aber sehr jazzig verstanden. Manchmal muss man direkt lachen über diesen ganz unabhängig verstandenen Mix verschiedener musikalischer Traditionen. Klasse und ein bisschen zu laut für meine alten Ohren.



29.10.04

Ein Ort und ein Wort

Es wird das hinterste Fenster in der Schalterhalle der Post in der Canal Street werden, wenn man reinkommt ganz rechts, dort wo der große blaue Frankier-Automat steht und die Fensterbank zu einer Art Pult für Formulare mutiert ist. Der Blick hinaus geht hier über die Strasse hinüber und in eine andere Strasse hinein, die in die Tiefe SoHo’s führt.

„meaning“

Das wird das Wort sein: meaning = Sinn, Bedeutung; bedeutsam. Ich finde es gut, dieses Wort hier in den Raum zu stellen. Es ist eine bedeutsame Frage und es ist auch eine bedeutsame Antwort für den, der sie findet. Das große, wenn nicht größte „Suchwort“ ist mein Beitrag für New York.

Dank der Kooperationsbereitschaft von SRT Architects ist das möglich. In diesem Büro und der Werkstatt, die dazu gehört, kann ich meine Arbeiten erledigen und die Scheibe für das Fenster fertig bearbeiten. John Yuen hat bis heute nichts weiter in Erfahrung bringen können und so vertagt sich der Einbau der Scheibe in das Fenster auf einen Zeitpunkt nach meiner Abreise. Joel wird dann die laufenden Verhandlungen übernehmen und Angel, mein persönlicher Engel für New York, wird die Scheibe im Postamt einbauen. Das macht mich unwahrscheinlich froh, auch wenn ich das fertige Ergebnis in der Post jetzt leider nicht mehr selbst erleben werde. Ich bin so dankbar.



30.10.04

Großer Vogel flieg

Großer Vogel flieg mit mir! Es geht weiter und die Sonne ist wieder auf meiner Seite. Ich verlasse New York. Mit United geht’s erst nach Los Angeles und dann weiter Richtung Sydney via Rarotonga und Auckland . „Über den Wolken scheint die Freiheit grenzenlos zu sein,“ erinnere ich mich, anders als auf der Erde. Aber ich sehe keinen Unterschied: Frei ist frei! Grenzen existieren nur im Kopf – dank unseres begrenzten Verstandes. Es gibt keine Grenzen. Also gibt es keine Grenzen zu Gott (oder was man eben unter Gott verstehen mag).

Ach. All diese Gefühle in mir – ich fass’ es nicht. Und diese Trauer zu gehen!? Ich bin so traurig. Ich war mir nicht bewusst darüber, dass ich diese Stadt und diese Menschen hier liebe. Meine Zeit hier schien mir manchmal so schwer, dass ich es kaum aushalten konnte. Ist es weil ich meine Sprache verlassen habe? Ist das ein Test? Vielleicht gibt es nur eine Sprache? Vielleicht ist der Turmbau zu Babel nur eine Metapher. Mir schwant etwas.

Immer wieder muss ich daran denken, was Irina Tweedy von Guruji, ihrem Sufi-Lehrer, erzählt. Er hat ihr eine Frage gestellt, ob es ihr in Indien gefällt oder so ähnlich und sie hat geantwortet. „Oh, ich liebe Indien, ich liebe diese Sonnenuntergänge hier… und ich liebe England und ich liebe das… und das… und das…“ Seine Antwort darauf war: „Dein Herz ist wie ein Hotel!“ Sie war sehr getroffen und hat es zu jener Zeit nicht verstanden, wie sie erzählt und dann sagt sie: „Es gibt nur Einen.“

Wenn ich diesen Gedanken in mein Herz nehme, kommen mir die Tränen. Das stimmt einfach. Weil das so ist, kann es auch nur eine Sprache geben. Das ist so absurd und wahr zugleich: die Sprache des Herzens. Sie klingt nur verschieden, ist aber klar. Jeder kann sie verstehen.

Ich vermute, dass diese Trauer zu gehen und dieses dem Ort und den Menschen Verhaftet-Sein, mit dem Thema Gehen / Verlassen / Streben zusammenhängt. Ich bin nur Gast in 109, Parc Place, Brooklyn, New York, USA, auf der Erde und in meinem Körper. Ich bin auch nur Gast in der Zeit; aber diesen Gedanken kann ich selbst noch nicht ganz verstehen.

Woher ich all diese Weisheiten nehme? Ich weiß es auch nicht. Betrachten wir sie als geschenkt. Diese Gedanken gehören mir nicht; das weiß ich.



New York City
leben lieben 2004, Plexiglas, Dekofaden





















































































































































































































































































































































































































































































„Die Erschaffung der Welt und die Vertreibung aus dem Paradies.“, Giovanni di Paolo